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Das System in der Krise funktionsfähig halten.

Den öffentlichen Verkehr auch in der Corona-Krise stabilisieren: Darauf konzentrieren sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkehrsministerium Baden-Württemberg zurzeit mit allen Mitteln. Denn ein Ausfall hätte erhebliche Folgen.

© Ministerium für Verkehr, Joachim E. Roettgers Graffiti

Einschneidend hat das Corona-Virus unser Leben in den letzten Wochen verändert. Die Zahl der Infizierten schnellt weiterhin nach oben. Absolute Konzentration auf alles Notwendige, um diese Dynamik zu stoppen, ist jetzt angesagt. Kitas, Schulen, Universitäten sind deshalb geschlossen. Die Nacht in der Disco ist erst mal gestrichen, die Urlaubsreise abgesagt.

Kritische Infrastrukturen am Laufen halten

Die zentralen Funktionen unserer Gesellschaft müssen dagegen mit allen Mitteln aufrechterhalten werden. Allen voran im Gesundheitswesen: Kranke und vor allem Notfallpatienten müssen behandelt, fehlende Schutzkleidung für Ärzte und Pfleger hergestellt und ein Impfstoff gegen Corona unter Hochdruck gefunden werden. Aber es müssen weiterhin auch genügend Lebensmittel in den Regalen der Geschäfte stehen, die Mülltonnen geleert und die Umsetzung der Ausgangsbeschränkungen kontrolliert werden.

Für die Berufstätigen in diesen Bereichen gibt es in der Corona-Krise kein Arbeiten im Homeoffice. Sie müssen raus. Weil sie nur direkt vor Ort unser Leben am Laufen halten können. „Kritische Infrastrukturen“ nennt man solche Branchen. Auch der öffentliche Nahverkehr zählt dazu. Wie sonst könnte gesichert werden, dass wichtige Funktionsträger zuverlässig ihren Arbeitsplatz erreichen?

Verkehrsministerium im vollen Einsatz

Seit zwei Wochen ist für mindestens 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkehrsministerium Baden-Württemberg der Krisenmodus angesagt. Ein Teil davon sorgt dafür, dass trotz Corona der öffentliche Verkehr stabil und zuverlässig aufrechterhalten wird. Das bedeutet, dass sie in dieser Schlüsselfunktion zuerst ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kollegen schützen müssen. „Wir haben jetzt Präsenzteams aktiviert“, berichtet Gerd Hickmann, Leiter der Abteilung Öffentlicher Verkehr. „Die wechseln wöchentlich zwischen Büro und Homeoffice und vermeiden dadurch, sich persönlich zu begegnen. So wollen wir sicherstellen, dass wir auch im Infektionsfall mit dem anderen, nicht betroffenen Team arbeitsfähig bleiben.“ Die wichtigsten Kommunikationsmittel sind jetzt Skype, Telefon und E-Mail. Seine ersten Mails verschickt der Abteilungsleiter in diesen Tagen kurz nach sieben Uhr und beantwortet die letzte nach Mitternacht. „Da muss man schon auch mal mit fünf Stunden Schlaf auskommen können“, meint Hickmann.

Der Krisenstab bewertet täglich die Lage

Zugausfälle wegen Personalmangel, überfüllte Wagons, Lieferverzögerungen neu bestellter Loks – all das sind Themen einer Arbeitsgruppe im Verkehrsministerium. In der arbeiten die Fachabteilung und die Geschäftsführer der Eisenbahnunternehmen zusammen, um das Angebot des Schienenpersonennahverkehrs im Land laufend zu verbessern. Vor zwei Wochen war klar, dass sich die Corona-Lage deutlich zuspitzen würde. Das bereits bestehende Gremium konnte schnell zu einem 25-köpfigen Krisenstab umgebaut werden. Nun wird dort unter der Leitung von Minister Winfried Hermann und Amtschef Prof. Uwe Lahl und dazwischen täglich auf Arbeitsebene über die aktuelle Lage beraten, um Lösungen auf den Weg zu bringen – per Telefonkonferenz. Viele Fragen aber kann das Verkehrsministerium nicht alleine klären, andere Stellen der Landesregierung sind zu beteiligen. Etwa, ob Ausnahmegenehmigungen für den Betrieb von Fahrschulen erteilt werden können, um weiterhin Fahrerinnen und Fahrer auszubilden. Oder ob Kfz-Werkstätten geöffnet bleiben dürfen, um LKW zur Aufrechterhaltung des Warenverkehrs zu reparieren.

Neue Leitlinien für den SPNV in Kraft

„Vor einer Woche fiel dann die Entscheidung, dass wir neue Fahrpläne in Kraft setzen müssen, um eine reduzierte, aber stabile Grundversorgung durch den Schienenpersonennahverkehr im Land sicherzustellen“, erklärt Gerd Hickmann. Mit der Maßnahme möchte das Verkehrsministerium dafür sorgen, dass vor allem Beschäftigte in kritischen Infrastrukturen weiterhin mit der Regionalbahn an ihren Arbeitsplatz kommen. Deshalb bleiben alle Haltepunkte, vor allem an Krankenhäusern und Betreuungseinrichtungen, im Stundentakt erreichbar. Außerdem kann damit das Angebot mit 40 Prozent weniger Zugführern gefahren werden. Die sind eine wichtige Reserve, um ihre Kollegen im Krankheitsfall zu ersetzen.

Auch Kommunikation ist Krisenmanagement

Ein neuer Fahrplan, neue Maßnahmen zum Schutz vor einer Ansteckung, der Einsatz der Aussteigekarte im Fall einer Corona-Infektion – fast täglich kommen auf Fahrgäste und Zugpersonal neue Veränderungen und Regelungen zu. „Vor allem in der aktuellen Krise müssen wir die Bürger schnell und kompetent informieren, um ihnen die Orientierung zu geben, die sie jetzt brauchen“, betont Axel Dürr, Pressesprecher des Verkehrsministeriums und Projektleiter von bwegt. Zusammen mit seinem Team hat er gleich nach den ersten Beschlüssen von Kabinett und Ministerium eine Informationskampagne gestartet. Gemeinsam mit den Eisenbahnunternehmen wurden oft über Nacht neue Fahrgastansagen in den Zügen eingespielt, dazu Plakate in den Wagons angebracht und Flyer verteilt. Über alle verfügbaren Kanäle wie Webseiten, Newsletter und die Sozialen Medien werden seither laufend die neuesten Informationen an die Fahrgäste weitergegeben. „Wir fühlen uns gerade wie Fernsehen, Radio und Zeitung in einem“, sagt Dürr.

Was ist dringend, was kann warten?

Ein Patentrezept für den Umgang mit einer solch dynamischen Ausnahmensituation gibt es nicht. „Wir müssen die Lage täglich neu bewerten“, erklärt Gerd Hickmann. Und entscheiden, was sofort getan werden muss und was warten kann. „Wo es möglich ist, treffen wir aber jetzt schon vorausschauende Vorbereitungen.“ Denn auch in den Leitstellen und Stellwerken arbeiten hochqualifizierte Spezialisten. Sollten diese nicht mehr in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, könnten Zugausfälle durch Busverkehre ausgeglichen werden. Hier gibt es glücklicherweise freie Kapazitäten, weil Schul- und Reisebusse vorerst weiter in den Depots stehen.

In der Krise schon an die Zukunft denken

Bis auf Weiteres hat der Gesundheitsschutz für die Menschen oberste Priorität im Verkehrsministerium. Doch wie jede Pandemie wird auch die Corona-Krise vorübergehen. Und deshalb arbeitet das Team um Gerd Hickmann jetzt schon daran mit, wie das finanzielle Überleben der Eisenbahnunternehmen sichergestellt werden kann. „Wir dürfen die Strukturen jetzt nicht zerstören, die wir nach der Krise wieder brauchen“, betont er. Einen Rettungsschirm in Höhe von 6 Milliarden Euro hat das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg schon für alle Unternehmen im Land aufgespannt.
Bald, denkt der Abteilungsleiter für öffentlichen Verkehr, können wir uns im Ministerium dann auch wieder auf die Ziele konzentrieren, die wir vor Corona hatten. Zum Beispiel den Schienenpersonennahverkehr für noch mehr Fahrgäste attraktiv machen und diesen Verkehr verdoppeln. Und damit das Klima schützen.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 24.03.2020