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Weichenstellung für die Zukunft.

Go-Ahead ist ein wichtiger Player im Konzept des öffentlichen Nahverkehrs in Baden-Württemberg. Basis sind die Mitarbeiter, die den Betrieb gewährleisten.

„Ich will, dass es endlich losgeht, dass ich endlich raus auf die Strecke kann. Ich will endlich fahren!“ Dennis Brembor sitzt in Fahrtrichtung auf einem der dunkelblauen gepolsterten Sitze in einem FLIRT 3-Zug. Er ist einer von acht Männern im Alter von 19 bis 58 Jahren, die momentan eine Ausbildung zum Triebfahrzugführer beim Unternehmen Go-Ahead machen. 

© Tom Bloch

Die Monate der Theorie sind gerade vorüber.

Gepaukt wurden unter anderem Infrastruktur, Fahrzeuge, Signale, Streckenkunde, Sicherungssysteme, Erste Hilfe, Notfallmanagement und Stressbewältigung. Auf einem Nebengleis auf dem Bahnhof von Aalen findet nun der erste praktische Block der Ausbildung statt. Dennis Brembor, der gelernter Industriemechaniker ist und zuletzt im Social Media-Management gearbeitet hat, freut sich auf das Ende der 11-monatigen Ausbildung. „Ich bin total gespannt auf meine allererste eigene Fahrt als Lokführer“, sagt Brembor und schiebt seine schwarze Base-Cap zurecht und grinst: „Alle sagen: Man wird die Hosen so dermaßen voll haben vor Aufregung“. Doch der Triebfahrzeugführer in Ausbildung, wie die offizielle Bezeichnung heißt, versprüht neben der jugendlichen Ungeduld zugleich ein gesundes Selbstbewusstsein. „Ja, bald Lokführer zu sein, das erfüllt einen schon mit Stolz, es gibt ja bundesweit nur rund 30.000“.

© Tom Bloch

© Tom Bloch

Dann ist er an die Reihe. Brembor darf vor, in den Führerstand des FLIRT 3. Ausbildungsleiter Martin Respondek gibt der nächsten Vierergruppe einen kurzen Überblick über den wichtigsten Teil der „Kommandozentrale“ des Zuges. Zuvor hat Respondek außen am Triebwagen gemeinsam mit den Auszubildenden die wichtigsten technischen Elemente erklärt und auch schon immer wieder kleine Testfragen gestellt. Die praktische Ausbildung ist zügig und intensiv und eine willkommene Abwechslung nach den Theorie-Monaten. Anschließend folgen 40 Tage im Regelbetrieb, Arbeitsplatz selbstverständlich vorne im Triebwagen. Und dann die Prüfung, die es in sich hat. „Die ist nahezu identisch mit der Prüfung der regulären Lokführerausbildung, die drei Jahre lang geht“, sagt Respondek. 

Seit Juni 2019 ist das Unternehmen Go-Ahead mit Hauptsitz in Großbritannien auf der Strecke RB 13 (Remsbahn) Stuttgart – Aalen – Ellwangen sowie IRE 1 (Residenzbahn) Karlsruhe – Aalen unterwegs. Am 15. Dezember, zum großen Fahrplanwechsel, erfolgte die sogenannte Inbetriebnahme weiterer Zugstrecken in Baden-Württemberg. Dies sind die Linien RB 16 (Filstalbahn) Stuttgart – Ulm, die RE 8 (Frankenbahn) Stuttgart – Würzburg sowie die Linie RE 90 (Murrbahn) Stuttgart – Nürnberg. In Aalen-Essingen wurde für 17 Millionen Euro ein eigenes Betriebswerk errichtet – das Herzstück des Konzerns mitten in Baden-Württemberg. Und eine Investition, die deutlich macht, wie der Konzern seinen Einsatz sieht: Gekommen, um zu bleiben. All diese Anstrengungen benötigen vor allem eines: qualifiziertes Personal. Und das beste Personal erhält man, wenn man selbst ausbildet und das mit erfahrenen Kräften. „Seit ich 15 Jahre alt bin, bin ich bei der Eisenbahn“, sagt Ausbilder Martin Respondek voller Stolz. „Mein Opa war bei der Bahn, mein Vater war bei der Bahn, und ich habe mich vom Puffer schmieren bis hoch zum Ausbilder von Lokführern hochgearbeitet.“ Der 27-Jährige schwärmt „vom Lokführer als schönsten Beruf der Welt.“ 

„Menschen zu befördern, die Jahreszeiten auf den Strecken zu erleben, in den Sonnenaufgang hineinzufahren, das alles sind einmalige Gefühle, die einem das Herz aufgehen lassen.“ Diese Euphorie lässt Respondek auch im Rahmen der Umschulung seine Auszubildenden spüren. Und immer wieder kann er zu einer technischen Erklärung ein praktisches Beispiel aus seinem Erfahrungsschatz präsentieren.

© Tom Bloch

Doch nicht nur Männer werden Lokführer. 

Agnieszka Mościcka hat den praktischen Teil noch vor sich. Sie hat das Bewerbungsverfahren überstanden und steckt nun mitten im Theorie-Block, gemeinsam mit 14 anderen, darunter nur einer weiteren Frau. „Ich hatte im September Einschulung und war davor so was von nervös. Ich habe eine Woche lang nur von der Schule geträumt“, gesteht Agneszka Mościcka, die vor sieben Jahren als gelernte Köchin von Polen nach Deutschland übersiedelt ist. Die Arbeit in einem Restaurant als Servicekraft half ihr, um Deutsch zu lernen, aber die zweifache Mutter wollte mehr. Da sie schon immer von großen Maschinen fasziniert war – was vielleicht auch daran lag, dass sie einiges von der Arbeit ihres Vaters, der LKW-Fahrer war, mitbekommen hat – ist sie von der Ausbildung zur Triebfahrzeugführerin total begeistert. „Ich war schon immer anders. Hab früher auch nicht mit Barbie-Puppen gespielt, mich haben Fahrzeuge und Maschinen mehr interessiert.“ Jetzt paukt die 32-Jährige also Signale oder Triebwagen-Technik. „Die Fachausdrücke und Abkürzungen in der Eisenbahnersprache sind gar nicht so einfach. ‚GÜ‘ zum Beispiel, das heißt ‚Geschwindigkeitüberwachungseinrichtung‘.

Agneszka Mościcka sitzt im Unterrichtsraum und lacht. Und als sie von ihrer ersten Fahrt erzählt, bekommt sie leuchtende Augen. „Fensterfahrt heißt das. Mitfahren, schauen, aber nichts anfassen.“ Ihre erste große Fahrt, vorne im Führerstand. Stuttgart – Aalen – Karlsruhe. Doch die Premiere wurde zufällig gleich zu ihrem ersten Höhepunkt im neuen Job. „In Karlsruhe sind plötzlich die Batterien im Triebwagen ausgefallen. Ich habe sofort mitgeholfen, zum Beispiel den Fehlerspeicher zu ziehen. Dann den Triebwagen abkuppeln, dann abschleppen. Es war so cool und aufregend. Und dann bin ich total schmutzig nach Hause gekommen. Was für ein tolles Gefühl!“

Im April beginnt für sie dann der praktische Teil. Wen wundert’s: Sie kann es kaum erwarten.

Dennis Brembor, Martin Respondek, Agneszka Mościcka – drei Mitarbeiter, die wie tausende andere täglich den Nahverkehr in Baden-Württemberg immer ein Stück besser machen wollen.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 19.12.2019

Autor: Tom Bloch

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