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Messe, Zürich

XVII. Europäischer Kongress für Theologie

Im Rahmen der universitären christlichen Theologie ist die historisch-kritische Interpretation der Bibel fest etabliert. Es besteht ein allgemeiner Konsens, dass die Bibel wie jedes andere Buch auch auszulegen ist und dass ihre Texte historische, kulturelle, politische und soziale Prägungen aufweisen, die sich ihren jeweiligen Entstehungszeiten verdanken. Diese grundlegenden Überzeugungen wie auch die konkreten Resultate der biblischen Exegese spielen allerdings in den nichtbibelwissenschaftlichen Disziplinen der Theologie eine untergeordnete Rolle. In den kirchlichen Vollzügen sind sie oft nur umrisshaft erkennbar. In amtskirchlichen Texten sind nicht selten eine Neigung zur Harmonisierung und zur Reduktion des Störpotentials historischer Befunde festzustellen, insbesondere im Bereich ethischer Themen. Umgekehrt ist in den biblischen Disziplinen der Status ihrer Zugehörigkeit zur Theologie sowie ihr Bezug zur kirchlichen und religiösen Praxis oft ungeklärt und die Rezeption von aktuellen Forschungsergebnissen aus den nichtbiblischen Disziplinen der Theologie möglicherweise verbesserungsfähig.

Blickt man über die akademische Theologie der westlichen Welt hinaus in die unterschiedlichen Strömungen des globalen Christentums, so wird vollends deutlich, dass kritische Zugangsweisen zur Bibel in Theologie und Kirche keineswegs dominieren: Evangelikale Bibelauslegungen bestimmen viele christliche Gemeinschaften, auch befreiungstheologische oder postkoloniale Interpretationen der Bibel werden breit gepflegt. Diese Vielfalt prägt das Christentum, aus der Sicht der Theologie sind die verschiedenen Zugangsweisen aber daran zu messen, ob sie willens sind, sich mit wissenschaftlicher Reflexion zumindest auseinanderzusetzen. Das Aufkommen der historischen Bibelkritik in der frühen Neuzeit sicherte der Theologie – mit Ausnahmen – ihren Ort an der Universität, da sie keine außerwissenschaftlichen Standards für die Interpretation der Bibel forderte. Sie ermöglichte zudem ein argumentativ geklärtes Nebeneinander von Theologie und Naturwissenschaften: Die kosmologischen Aussagen der Bibel etwa sind zeitverhaftet; sie beschreiben den Stand der Wissenschaft ihrer Zeit und nicht den der Neuzeit. Doch gleichzeitig führte die historisch-kritische Interpretation der Bibel dramatisch vor Augen, dass Exegese und Systematische Theologie nicht auf die Etablierung eines einheitlichen Lehrgebäudes hinauslaufen. Ja, innerhalb der Exegese zerfiel die biblische Theologie alsbald in die alt- und die neutestamentliche Theologie, die sich ihrerseits in die Theologien der verschiedenen Schriftkomplexe auflösten. Im Bereich der Systematischen Theologie führten die kritischen Erkenntnisse im Bereich der Bibelwissenschaften zusammen mit der Vernunftkritik der Aufklärung an den traditionellen Dogmenbeständen im 20. Jahrhundert zunächst zu einer antihistoristischen Wende und heute zu einer Pluralisierung theologischer Ansätze, in denen in unterschiedlicher Weise auf die neuen Herausforderungen reagiert wird. Auch in der Praktischen Theologie lässt sich eine weitreichende Differenzierung ihrer Vollzüge und Reflexionen im Gefolge der kritischen Erkenntnis der Vielschichtigkeit und der Vielstimmigkeit der Bibel erkennen.

Innerhalb der christlichen Theologie stellt die historische Bibelkritik so ein durchaus spannungsvolles Element im Gesamtzusammenhang ihrer Disziplinen dar, das nie wirklich zu einer vollen Integration in das theologische Denken außerhalb der Bibelwissenschaften gefunden hat. Dieser Befund gilt in gesteigertem Masse für die kirchliche und religiöse Praxis. Die jüdischen und islamischen Theologien befinden sich in einer vergleichbaren, vielleicht sogar noch schwierigeren Situation: Breite Stränge des Judentums und des Islams sind nicht bereit, historische Kritik ihrer heiligen Schriften zuzulassen oder gar aktiv selbst zu betreiben. Anstelle des in der akademischen christlichen Theologie etablierten Grundsatzes, dass die Auslegung der Heiligen Schrift nicht anders zu geschehen hat als diejenige anderer Literaturen auch, gilt in den traditionellen Strömungen des Judentums und des Islams das Gegenteil: Die Heilige Schrift sei eine Größe sui generis und dürfe nicht auf die Ebene ‚weltlicher‘ Texte heruntergezerrt werden. Dieser Position stehen allerdings auch Bestrebungen einer kritischen Wahrnehmung der Hebräischen Bibel, des Korans und weiterer als autoritativ angesehener Schriften gegenüber, die sich in unterschiedlichen institutionellen Kontexten zu entwickeln beginnen.

Aus dieser so skizzierten Problembeschreibung ergeben sich verschiedene Fragestellungen: Wie steht es genau um den Stellenwert der historischen Bibelkritik innerhalb der Theologie und den Kirchen? Wie lassen sich entsprechende Rezeptionsdefizite beheben und Interferenzen verbessern? Lässt sich empirisch erfassen und beschreiben, inwiefern historisch-kritische Zugänge zur Bibel sich in den religiösen und theologischen Vollzügen des Christentums niedergeschlagen haben bzw. inwiefern sie wirkungslos geblieben sind? Wie lassen sich der Stellenwert und der Vollzug der Kritik heiliger Schriften im interreligiösen Vergleich zwischen Judentum, Christentum und Islam und in ihren unterschiedlichen Strömungen näher bestimmen? Welche religiösen Kulturen und Verhaltensweisen ergeben sich aus kritischen oder nichtkritischen Wahrnehmungen heiliger Schriften? Welche Chancen bieten sich einer historisch besser informierten religiösen und kirchlichen Praxis? Eröffnen sich Möglichkeiten einer integralen Berücksichtigung eines aufgeklärten Umgangs mit heiligen Schriften im Christentum, aber auch im Judentum und im Islam? Diesen Fragen wird sich der XVII. Europäische Kongress für Theologie, der vom 5.-8. September 2021 in Zürich stattfinden wird, im Rahmen von drei Themenfeldern - Schriftkritik und religiöse Kultur, Schriftkritik im interreligiösen Vergleich, Schriftkritik als theologisches Problem – zuwenden, und er wird versuchen, Perspektiven für mögliche Antworten zu formulieren.

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