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Urban Gardening: Grüne Oasen mitten in der Stadt.

Urban Gardening ist nicht einfach nur ein Trend. Wer in Städten gärtnert und Obst oder Gemüse pflanzt, handelt nachhaltig und stärkt den Gemeinschaftssinn. Mehr Grün in der Stadt bedeutet auch weniger Freizeitverkehr, denn meist liegen die grünen Oasen vor der Haustüre oder sind bequem mit dem Nahverkehr zu erreichen. bwegt hat sich ein paar Projekte angeschaut.   

Ein bisschen durch den Wind wirkt Joachim Petzold, die Haare trägt er etwas zerzaust. Kein Wunder. Der Chef der Kulturinsel hat die vergangenen zehn Tage mit einem Dutzend Helferinnen und Helfern den Garten Inselgrün der Kultureinrichtung sprichwörtlich ein paar Meter weiter verpflanzt und am nächsten Tag steht schon wieder ein Workshop an. Bei dem Urban Gardening-Projekt auf dem ehemaligen Güterbahnhofgelände in Stuttgart ist immer etwas los.  

Seit sieben Jahren gärtnern Städter auf der Brache in ihrer Freizeit, pflanzen Blumen und Kräuter, veranstalten Workshops mit Geflüchteten oder bieten Kräuterführungen an. Hier gräbt und pflanzt keiner für sich allein, sondern alle zusammen, Jung und Alt, Wohnungslose und Banker. „Der Garten steht rund um die Uhr offen. Wir wollen eine Begegnungsstätte für jeden schaffen, nur dann sind und wirken wir nachhaltig“, sagt Petzold. So können sich Inselgrün-Besucher Kräuter und Tomaten einfach mitnehmen, auch dann, wenn sie diese gar nicht selbst angebaut haben. Auch das gehört zum offenen Konzept des Gemeinschaftsgartens. 

© Inselgrün

© Inselgrün

Von der Selbstversorgung zum Erholungsraum

Gegärtnert wurde in Städten schon immer. Zum einen, weil die Haltbarkeit von Lebensmitteln begrenzt war, etwas das den Transport lange Zeit unmöglich machte. Später, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, sicherten städtische Gartenanlage die Ernährung der Bevölkerung bevor sie für Familien zu Refugien der Erholung wurden. Menschen mit Mietwohnungen konnten sich so den Traum eines Gartens erfüllen. Bis heute übertrifft die Nachfrage nach den kleinen Parzellen das Angebot in vielen Großstädten bei Weitem. Die Sehnsucht nach mehr Grün und nachhaltigem Leben in urbanen Lagen führte in den 1970er Jahren schließlich zu einer neuen Bewegung: dem Urban Gardening, also dem städtischen Gartenbau. 
 

© Inselgrün

Ihre Wurzeln hat die Bewegung in den New Yorker Gemeinschaftsgärten. Die Community Gardens, die die Bewohner der US-Metropole auf Brachen und Dächern anlegten, dienten nicht nur der Selbstversorgung, sondern bezogen auch ernährungspolitische, ökonomische, soziale, künstlerische und stadtgestalterische Fragen mit ein. In den vergangenen Jahrzehnten verbreitete sich die Idee weltweit.

Natur in der Stadt erleben

Vor einigen Jahren pflanzte sich die Vision eines großen städtischen Gartens auch in den Kopf von Birgit Haas. „Ich war so begeistert von den Prinzessinnengärten in Berlin“, erinnert sie sich. Die große Anlage am Kreuzberger Moritzplatz ist Berlins bekanntestes Urban Gardening Projekt. Als Haas 2012 von der Stuttgarter Kulturinsel las, kontaktierte sie Joachim Petzold. „Er hat das Potenzial sofort erkannt“, sagt die Frau, die damals ihren gut bezahlten Job beim Flughafen aufgegeben hatte, um sich als Fachberaterin für Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen selbstständig zu machen. 

Heute ist das Areal ein Ort für Künstler, Kulturschaffende, Nachbarn und Fans des urbanen Gärtnerns. „Stadtbewohner können in der Stadt Natur erleben und Erholung vor Ort finden“, erklärt Petzold. Zudem helfen solche Angebote auch, den Freizeitverkehr zu reduzieren, denn sie sind meist mit dem Öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen. 

© Inselgrün

© Inselgrün

Kommunen fördern Projekte zunehmend 

Es müssen nicht immer große Industriebrachen sein. Urban Gardening funktioniert auch im Kleinen. In Stuttgart gibt es für Privatpersonen sogar Unterstützung von öffentlicher Hand. 2014 hat die Landeshauptstadt eine Koordinierungsstelle Förderprogramme urbanes Grün beim Amt für Stadtplanung und Wohnen eingerichtet und nimmt damit landesweit eine Vorreiterrolle ein. Die Stadt vernetzt Akteure und vergibt Zuschüsse für die Erstanlage 
und -ausstattung von bis zu 5000 Euro. Auch der Erhalt und Betrieb von Gemeinschaftsgärten wird mit bis zu 1000 Euro gefördert. Brachen, Hinterhöfe, Dachterrassen: als Standort ist fast alles möglich. „Wichtig ist, dass ein sozialer und ökologischer Mehrwert für die Fläche entsteht und es eine Initiative von mindestens drei Personen ist“, sagt die zuständige Projektleiterin Larissa Eißler. Bislang verzeichnet sie etwas mehr als 40 geförderte Projekte. „Da ist aber noch viel Luft nach oben“, sagt Eißler, die auf noch mehr Anträge hofft.
 

Den positiven Effekt des Gärtnerns erleben auch die Feuerwehrleute der Feuerwache II mitten in Stuttgart. Auf ihrem Dach blüht und grünt es seit fast 40 Jahren. Zu einer Zeit, als den Begriff Urban Gardening in Deutschland vermutlich noch niemand gehört hatte, plante der Gartenarchitekt Wolfgang Miller einen knapp 600 Quadratmeter großen Bereich mit. „Damals hieß das einfach Dachgarten“, sagt der Leiter der Feuerwache Sven Gross und lacht. 
 
Wenn man sich der Feuerwache nähert und von unten hochguckt, kann man ihn nur erahnen. Hier und da ragen Äste unterschiedlichster Bäume und Sträucher heraus. Oben angekommen öffnet Sven Gross die Tür zu einer wahren Oase. Jetzt, Anfang November, haben die Feuerwehrleute den Garten bereits winterfest gemacht. Dennoch blüht und grünt es an vielen Ecken. 80 Jahre alte Palmen, die einst per Kran hochgehievt werden mussten, stehen neben Kiwi-Sträuchern, Bananenstauden, Feigen- und Apfelbäumen. Auch heimisches Gemüse und Kräuter finden einen Platz sowie ein Teich samt drei Schildkröten. Hier packt jeder mit an. Zeit findet man während der Bereitschaft oder auch mal nach Feierabend.

© Popowska

© Popowska

Zeitgemäßer Baustein in der modernen Stadtentwicklung

„Wir verwenden alles für die Gemeinschaftsverpflegung“, sagt Stefan Kaufmann, stellvertretender Wachabteilungsführer der 1. Wachabteilung, der den Garten betreut. Das schmecke dann auch besser als aus dem Supermarkt. Der Garten ist für den Feuerwehrmann einer der Gründe gewesen, warum er sich vor zehn Jahren nach einer kurzzeitigen Abwesenheit, auf die Wache zurück beworben hat. „Wenn man gerne gärtnert und sich damit identifiziert, ist das eine tolle Sache“, sagt Kaufmann, der auch privat einen Garten hegt und pflegt.

Sven Gross kann viele Vorteile des Dachgartens nennen. „Für uns ist dieser Rückzugsort wichtig. Meine Mitarbeiter sehen viel Belastendes in ihren Einsätzen“, sagt er. In das Biotop können sich die Feuerwehrleute zurückziehen und mental regenerieren. Doch auch Umweltaspekte spielten zunehmend eine Rolle. „Es ist bei den Klimaveränderungen ein zeitgemäßer Baustein in der modernen Stadtentwicklung. Heute mehr denn je“, betont er. An heißen Sommertagen spüren die Feuerwehrleute das immer dann ganz besonders, wenn sie unter dem kühlenden Schatten einer ihrer Bäume sitzen.

Mehr Infos unter: 

https://www.stuttgart.de/urbanegaerten  
https://kulturinsel-stuttgart.org/projects/inselgruen/

Magazin-Artikel veröffentlicht am 19.11.2019

Autorin: Marta Popowska