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Schnell wieder auf 280.

Mit Vollgeschwindigkeit bald wieder Stecke machen. Das ist das erklärte Ziel der Deutschen Bahn AG bei der Sanierung der Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart. Thorsten Krenz, Konzernbevollmächtigter der DB für Baden-Württemberg, gibt einen Einblick hinter die Kulissen.

bwegt-Magazin: Herr Krenz, aktuell gehört die Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart den Gleisbauern mit ihren Umbauzügen und Großbaumaschinen.  Für Pendler bedeutet das hingegen erst mal den absoluten Stillstand auf der Verbindung.

Thorsten Krenz: Die Schnellfahrstrecke Mannheim – Stuttgart ist für Baden-Württemberg eine der wichtigsten Pendlerachsen. Rund 66.000 Menschen sind hier an normalen Tagen im Fernverkehr unterwegs. Nach rund 30 Jahren Betrieb erhält die Strecke nun eine Sanierungskur. Im Vorfeld haben wir die Möglichkeiten für den Umbau geprüft. Die Vollsperrung ist zwingend erforderlich, da hier in 205 Tagen die komplette Strecke saniert werden kann. Jedes der beiden Gleise separat zu erneuern, hätte die Gesamtsanierung auf drei bis vier Jahre verlängert, zumal der Zugverkehr in dieser Zeit auch dauerhaft eingeschränkt gewesen wäre. Um unseren Kunden die sanierte Strecke schnellstmöglich wieder zur Verfügung zu stellen, haben wir uns für die schnellste und effizienteste Variante entschieden.

DB AG Pablo Castagnola.

Welche Sanierungsmaßnahmen sind auf der Schnellfahrstrecke bislang erfolgt?

Unsere Bauarbeiten starteten pünktlich am 11. April.

In Mannheim Rangierbahnhof wurde eine provisorische Bauweiche eingebaut, die eine Verbindung zwischen der Schnellfahrstrecke und dem Rangierbahnhof herstellt. Somit können die Baumaschinen und Züge ohne einen Umweg über den Mannheimer Hauptbahnhof ins Baugleis fahren. Neue Schienen, Schotter und Schwellen werden aus der ganzen Bundesrepublik in den Mannheimer Rangierbahnhof und von dort nach Bedarf weiter auf die Baustelle gefahren.

Im Stuttgarter Bereich wurden inzwischen Bewetterungen an den Tunneln angebracht, diese sorgen für eine ausreichende Frischluftzufuhr bei Arbeiten in Tunneln und sind gesetzlich vorgeschrieben.

Zwei Bettungsreinigungsmaschinen sind im Einsatz und säubern aktuell bei Schwieberdingen und Waghäusel den Schotter. Dieser wird unter dem Gleis ausgekehrt, gesiebt und direkt wieder eingebaut. An der Enztal- und Glemsbrücke wurden sämtliche Fugen freigelegt, um in den kommenden Tagen mit der Fugensanierung beginnen zu können.

Welche Baumaßnahmen erfolgen insgesamt auf der Strecke? 

Das Arbeitspensum ist enorm: Auf 99 Kilometer werden 54 Weichen mit Radien zwischen 1200 und 7000/6000m, rund 300.000 Schwellen, 440.000 Tonnen Schotter und 190 Kilometer Gleise erneuert. Zudem erfolgen Arbeiten im Bereich der Tunnel- und Tiefenentwässerung sowie die Sanierung und Inspektion von Oberleitungsanlagen. Auf der Baustelle sind je nach Arbeitsschritt Experten vom Gleisbauer über den Elektroniker bis hin zum Ingenieur beschäftigt.

Das sind ja gigantische Mengen an Material. Wie stellen Sie den Nachschub dafür sicher?

Die Abwicklung der Baustelle erfolgt über die Schiene, da ein Gleis als „Baugleis“ dient, über das Baumaterial zugeführt wird. Unabhängig davon haben wir die betroffenen Kommunen und Gebietskörperschaften informiert und uns Genehmigungen für die Befahrung von Wald- und Feldwegen eingeholt.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Sanierung der Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart? 

Die Sanierung erfolgt in nur 205 Tagen, das heißt, der Bauablaufplan ist eng getaktet. Eine sehr gute Planung und Vorbereitung war daher bereits im Voraus äußerst wichtig.

Gibt es bereits realisierte, vergleichbare Sanierungsmaßnahmen der Deutschen Bahn?

Das Schnellfahrstreckennetz der DB ist das Rückgrat des Fernverkehrs. Es umfasst fünf Strecken, Hannover – Würzburg, Mannheim – Stuttgart, Köln – Frankfurt/M, Hamburg - Berlin und Halle/Leipzig – Ingolstadt. Die ersten Strecken gingen 1991 in Betrieb. Diese müssen, wie auch im Straßenbau, zum einen regelmäßig instandgehalten werden und zum anderen von Zeit zu Zeit auch erneuert werden. Im letzten Jahr haben wir bereits den Abschnitt Hannover – Göttingen (Teil der Trasse Hannover Würzburg) erneuert, dieses Jahr ist Mannheim – Stuttgart an der Reihe. Im nächsten Jahr folgt Göttingen – Kassel und im Jahr 2022 der Abschnitt Fulda – Würzburg und 2023 Kassel – Fulda.

Welche besonderen Verfahren, Techniken, Technologien werden bei der Sanierung der Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart eingesetzt?

Beim Umbau kommen moderne Großbaumaschinen zum Einsatz, sogenannte Bettungsreinigungsmaschinen, Stopfmaschinen - diese verdichten den Untergrund mechanisch - und ein Gleisumbauzug, der Schwellen und Gleise verlegt. 

Mit welchen Beeinträchtigungen müssen die Anwohner rechnen?

Lärmbeeinträchtigungen lassen sich infolge des Baubetriebs nie ganz vermeiden, wir bitten das zu entschuldigen. Auf den Umleitungsstrecken sind einige Bahnübergänge für die Dauer des Umbaus gesperrt worden, weil infolge der hohen Zugdichte die Schließzeiten zu lange wären. Die Kommunen haben Umleitungen für den Straßenverkehr eingerichtet und seitens der DB wurden hier Fußgängerbrücken gebaut, die das Überqueren der Gleise ermöglichen.

Die Deutsche Bahn hat dazu kommuniziert, dass es Lärmbelästigung tags und nachts gibt, die durch den Einsatz moderner Großbaumaschinen aber reduziert werden. Auch die Vollsperrung an sich vermindert den Baulärm.

Bei Arbeiten im Gleisbereich wird das Baupersonal aus Gründen des Arbeitsschutzes in der Regel vor eventuellen Zugfahrten gewarnt. Wenn kein Zugverkehr auf der Strecke ist, entfällt die akustische Warnung des Arbeitspersonals durch entsprechende Anlagen, was hilft, Lärmentwicklung zu reduzieren.

Welche positiven und negativen Reaktionen der Fahrgäste und der Bevölkerung sind auf die Vollsperrung und die Baumaßnahmen bislang bei Ihnen eingegangen? Welche Bilanz ziehen Sie aus den Bürgerinformationsveranstaltungen? 

Wir haben die Öffentlichkeit hier früh mit eingebunden und das Projekt vorgestellt. Natürlich ist die umleitungsbedingte, längere Fahrzeit für unsere Kunden eine Einschränkung. Aber am Ende dient das dazu, dass diese wichtige Strecke für viele weitere Jahre weiterhin zuverlässig zur Verfügung steht.

Der Mannheimer Rangierbahnhof dient als Umschlagplatz für die Baustoffe. Kommt es dadurch zu Beeinträchtigungen für die Bevölkerung zum Beispiel durch die Weiterverteilung der Baustoffe bzw. die Anlieferung der ausgedienten Infrastruktur? Gibt es noch weitere solcher Umschlagplätze? Oder Vormontageplätze? 

Die Baustelle wird über die Schiene versorgt, so dass hier keine Beeinträchtigungen zu erwarten sind. Ein weiterer Versorgungspunkt ist in Karlsruhe im Gleisbauhof, hier liegen über 100.000 Schwellen für den Einbau bereit.

Inwieweit beeinflusst die Corona-Pandemie den Zeitplan der Sanierungsarbeiten? Sind Personalausfälle durch Erkrankungen zu befürchten? Oder Lieferschwierigkeiten für das benötigte Baumaterial? 

Die Baustelle wird wie geplant durchgeführt, das Material liegt bereit und auch bei den Arbeiten werden die Vorgaben der Behörden umgesetzt.  Sicherheit steht bei der DB, egal ob im Fahr- oder Baubetrieb, immer an erster Stelle.

Die Sanierung der Schnellfahrstrecke hat auch Auswirkungen auf die Umwelt. So mussten Ersatzhabitate für Eidechsen geschaffen werden. 

Artenschutz und die Umsiedlung gefährdeter Arten sind wichtig und gut. Das ist bei allen DB-Baustellen gelebte Praxis, wir sehen uns hier in besonderer Verantwortung. Bevor geplante Arbeiten starten, schauen sich unsere Umweltfachleute das Terrain an und überprüfen, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind.

Gibt es Empfehlungen von der DB, was Fahrgäste in der Zeit der Streckensperrung beachten sollten?

Wir empfehlen unseren Kunden, im Vorfeld der geplanten Fahrt die gewünschte Verbindung online zu überprüfen, damit sie sich auf eventuelle Abweichungen einstellen können. 

Welche Entschädigungsleistungen gibt für die es - z.B. für bereits verkaufte Tickets, Zeitkartenkunden und BahnCard-Kunden?

Zeitkartenkunden des Fernverkehrs bieten wir eine zehnprozentige Ermäßigung auf den monatlichen Ticketpreis oder auch die Möglichkeit, das Abo während der Bauzeit ruhen zu lassen. 

Nach der Sanierung der Schnellfahrstrecke Mannheim-Stuttgart am 1. November verkehren die Züge wieder nach dem gewohnten Fahrplan. Werden die Fahrgäste auf ihren Fahrten etwas von den neuen Gleisen, Weichen, Schwellen und der Technik spüren?

Komforttechnisch ändert sich nichts, die Erneuerung stellt jedoch die Betriebsfähigkeit dieser wichtigen Verkehrsachse für Baden-Württemberg über viele weitere Jahre sicher.

Vielen Dank, Herr Krenz, für das Gespräch und Ihre Zeit!

Magazin-Artikel veröffentlicht am 05.05.2020