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Paket versenden per Stadtbahn: Die Revolution im Güterverkehr?

Der Paketversand boomt, scharenweise kämpfen sich Lieferautos durch den Stadtverkehr. Geht das auch anders? Für mehr Nachhaltigkeit in der Logistik testen Forscher in Karlsruhe jetzt eine revolutionäre Idee: Werden Päckchen bald unsere stetigen Mitfahrer im ÖPNV?

Eine Illustration zeigt eine Stadtbahn an einer Haltestelle, in die sowohl Menschen ein- und aussteigen als auch autonom fahrende Lastenradanhänger hinein- und hinausfahren.

© modus: medien + kommunikation gmbh

Der Container auf Rädern ist etwa so groß wie eine Waschmaschine. Wenn die Stadtbahn gleich hier am Bahnsteig einfährt, weiß der Anhänger genau, was er zu tun hat: Zielgenau und schnell fährt er völlig selbstständig durch die geöffnete Tür und platziert sich rutschsicher im Innenraum. Und sobald er die für ihn vorgesehene Haltestelle erreicht, fährt der intelligente Anhänger autonom wieder nach draußen. Bisher gibt es nur Prototypen – aber könnten diese autonomen Transporter im ÖPNV bald ein tägliches Bild sein? 

Ein Lastenradanhänger fährt vom Bahnsteig durch die offenen Türen in eine Stadtbahn.

Lastenradanhänger mit Roboter-Technik: Der Prototyp muss in der Lage sein, komplett autonom in die Stadtbahn hinein- und wieder hinauszufahren. © Michael Frey / KIT

Im regulären Karlsruher Stadtbahnverkehr kann man dem kleinen Roboter zwar noch nicht begegnen. Seine Erbauer machen jedoch bereits große Fortschritte: Auf dem Betriebshof West der Verkehrsbetriebe Karlsruhe GmbH (VBK) finden die ersten Testläufe des Forschungsprojekts „LogIKTram“ statt. Seit März 2021 tüfteln die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft mbH (AVG) und weitere Partner wie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an einer Lösung, wie sich die städtische Logistik verbessern lässt. 

LogIKTram: Das Konzept für den Warenverkehr der Zukunft?

Porträt-Aufnahme

Christoph Rentschler ist LogIKTram-Projektleiter bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft mbH (AVG). © Studioline

„Deutschlands Warenverkehr basiert meist noch auf dem Verbrenner“, erklärt Christoph Rentschler, Projektleiter bei der AVG. Hotels, Gewerbe, Restaurants sind jeden Tag auf Lieferungen von Lebensmitteln und anderen Waren angewiesen. Und auch die Endverbraucher greifen immer häufiger auf Online-Bestellungen zurück. Rund 4,5 Milliarden Pakete lieferten DHL, Hermes, DPD und andere Paketdienste 2021 quer durch das Land.  

„Darum ist es notwendig, dass wir neue Möglichkeiten des Transports erschließen“, so Rentschler. LogIKTram ist der erster Schritt im Rahmen der übergeordneten Logistikinitiative regioKArgo – ein Mobilitätsnetzwerk, das Partner aus Mobilität, Logistik, Forschung und Kommunalpolitik vereint. 

Aus Anhänger wird Roboter.

Porträt-Aufnahme

Dr.-Ing. Michael Frey ist stellvertretender Leiter des Instituts für Fahrzeugsystemtechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) © privat

So simpel die Idee der Gütertram klingt, das Forscherteam hat hier einige harte Nüsse zu knacken. „Eine große Frage war: Wie stellen wir das automatisierte Be- und Entladen des Stadtbahnwagens an?“, erklärt Dr.-Ing. Michael Frey, stellvertretender Leiter des Instituts für Fahrzeugsystemtechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Lösung: ein motorisierter Lastenradanhänger. „Er ist mobil, passt ohne weiteres in die Bahn. Und das Beste: Für die Auslieferung auf der letzten Meile kann er einfach an ein Fahrrad gekoppelt werden.“ So kommt der Anhänger schließlich von seiner Zielhaltestelle zum Empfänger – so der Plan.  

„Allerdings muss der Anhänger komplett autonom in den Stadtbahnwagen hinein- und wieder hinausfahren können“, so Frey, „und zwar binnen weniger Sekunden, damit die Bahn pünktlich abfahren kann.“ Die Goldene Regel: Der Warentransport muss sich nahtlos integrieren und darf den Personenverkehr nicht stören. „Fahrgäste, besonders die mit Kinderwagen oder im Rollstuhl, haben immer Vorrang!“, betont der Ingenieur.  

Ein Lastenradanhänger mit Elektroantrieb bietet da die besten Voraussetzungen: „Zur Automatisierung müssen wir nur die Elektronik, Steuerung und Sensoren einbauen – dabei greifen wir auch auf Technik zurück, die man von Saug- und Mährobotern kennt“, sagt Frey. Gleichzeitig macht ein raffinierter Mechanismus die Auslieferung mit dem Rad bequem und einfach: „Tritt der Kurier in die Pedale, beschleunigt sich auch der Anhänger – und wird gebremst, verlangsamt er sich."

Pakete in der Straßenbahn – kein Platz mehr für Fahrgäste?

Oberste Regel für die Gütertram ist natürlich, dass der Warenverkehr für die menschlichen Fahrgästen keine Einschränkung bieten darf. „Abseits der Hauptverkehrszeiten sind in den Stadtbahnen oft noch Kapazitäten frei“, erklärt Christoph Rentschler. „In dieser Zeit ist es also enorm sinnvoll, den freien Platz dafür zu nutzen, um Güter und Waren zu transportieren. Denn die Energie, mit der die Bahnen der AVG betrieben werden, ist schließlich klimaneutral.“ 

Damit die Päckchen Berufspendlern und Ausflüglern nicht den Platz wegnehmen, Händler und Gewerbe aber pünktlich ihre Waren erhalten, ist also ein ausgetüftelter Zeitplan nötig. „Wir entwickeln dafür eine digitale Plattform, die sowohl den Warentransport mit der Stadtbahn als auch die erforderlichen Warenumschläge koordiniert“, erklärt der Projektleiter.  

Die Grafik stellt das Prinzip der Güter-Stadtbahn schematisch dar.

Die Vision von regioKArgo: Pakete und Waren mit dem „Karlsruher Modell“ von Verteilzentren im Umland in die Stadt transportieren.

Karlsruhe: ideal für einen Test der Gütertram.

Dass das Forschungsprojekt gerade in Karlsruhe stattfindet, ist kein Zufall: Grundlegend für die Logistiklösung ist das sogenannte „Karlsruher Modell“, das in diesem Jahr großes Jubiläum feiert: Seit 30 Jahren sind Fahrgäste mit dem Nahverkehrskonzept nämlich „zweigleisig“ unterwegs. Die Zweisystem-Stadtbahn ist hier nicht – wie sonst üblich – vom Eisenbahnnetz abgekoppelt, sondern das städtische und das regionale Schienensystem gehen ineinander über. Fahrgäste – und bald vielleicht auch Pakete –, die in der Stadt „einsteigen“, gelangen also ohne Umstieg auch in die umliegende Region und umgekehrt. In Karlsruhe zeigt sich also in vollem Umfang, was die Gütertram zur Entlastung des Straßennetzes leisten kann. 

Die Vision: Nachhaltige Logistik und entlastete Straßen.

Noch bis Anfang 2024 läuft das Forschungsprojekt LogIKTram – und liefert schon jetzt wichtige Erkenntnisse für neue Logistikmodelle. Künftig könnte die Güter-Stadtbahn sowohl die Belieferung von Industrie, Einzelhandel und Privatpersonen abdecken sowie den Rücktransport von Retouren übernehmen – und dabei beispielhaft ressourcenschonend vorgehen: Durch den kombinierten Transport von Personen und Waren kann die bestehende Infrastruktur effizienter genutzt und gleichzeitig der städtische Verkehr reduziert werden. „Die große Zukunftsvision ist ein nachhaltiges Logistikkonzept für die ganze Region Karlsruhe“, so Rentschler. 

Magazin-Artikel veröffentlicht am 19.09.2022

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