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Land und Leute

Nur Gas geben und Bremsen? Triebfahrzeugführer Simon Lamprecht im Interview

Simon Lamprecht ist 29 Jahre alt und arbeitet seit fünf Jahren bei der SWEG in Offenburg als Triebfahrzeugführer. Im Interview mit dem bwegt-Magazin erklärt er, was alles zu beachten ist, bevor man einen Zug startet, wie ein typischer Arbeitstag von ihm aussieht und wie er einmal Jogi Löw im Zug geweckt hat.

Herr Lamprecht, manche Menschen behaupten, Triebfahrzeugführer müssten nur Gas geben und bremsen – was entgegnen Sie darauf?

Ja, das höre ich öfters! (lacht) Das stimmt so aber natürlich nicht. Ich bin ja für die Prüfungen im Zug zuständig, dafür muss ich alle Teile des Zuges kennen, um bei Störungen reagieren zu können. Das kann eine kleine Störung sein, die der Fahrgast gar nicht merkt. Oder es tritt eine größere Störung auf – da bin ich im ersten Moment auf mich allein gestellt. Außerdem gibt es ein Sicherungssystem, mit dem ich während der Fahrt permanent kommuniziere. Das bedeutet: Ich fahre an einem Signal vorbei, das meldet, dass ich in 1000 Metern langsamer sein muss. Wenn ich zu früh oder zu stark bremse, führt das zu einer Zwangsbremsung – dann kommt es zu Verspätungen. Im Regionalverkehr muss ich auch oft die Fragen der Fahrgäste beantworten. Die Ansagen vor den Haltestellen kommen auch noch dazu. Langweilig wird mir jedenfalls nicht!

Was hat Sie dazu bewogen, sich bei der Bahn zu bewerben?

Die erste Idee dazu kam mir in der Schulzeit. Das lag bestimmt auch daran, dass ich direkt an der Rheintalbahn wohne. Die Züge, die ich von zuhause aus beobachtet habe, haben mich schon immer fasziniert. Dann habe ich mich bei der Deutschen Bahn über eine Ausbildung informiert – so bin ich bei der Eisenbahn gelandet.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Wenn ich zum Beispiel Frühschicht habe, gehe ich frühmorgens los. Das bedeutet, dass der Dienstbeginn zwischen 3:15 und 7:00 Uhr morgens liegt. Dann erfahre ich, welche Fahrzeuge ich für den Tag bekomme – und wo diese stehen. In meinem Fall beispielsweise in der Betriebswerkstatt in Offenburg. Als erstes rüste ich die Züge auf, das ist so, als ob man zuhause die Sicherungen einschaltet. Und dann schaue ich mir den Zug genau an: Gibt es Schäden? Funktionieren die Bremsen vorschriftsgemäß? Arbeiten alle Systeme auf den Rechnern, die Türen und die Klimaanlage korrekt? Das dauert circa eine halbe Stunde. Danach kann ich losfahren und bringe meinen Zug an den Bahnsteig. Meistens habe ich dann noch zehn Minuten Puffer, bis die Fahrgäste einsteigen.

Fahren Sie dann immer einen Tag lang die gleiche Strecke?

Nein, es gibt sogenannte Umlaufpläne. Das heißt: Oft fahre ich eine bestimmte Strecke los, wechsle aber zwischendrin die Züge und fahre eine andere Route weiter. Das hängt davon ab, wie die Planung am besten passt. Die Triebfahrzeugführer sollen natürlich möglichst wenig Leerlauf in ihrem Arbeitstag haben.

Woher wissen Sie immer genau, wann sie bremsen müssen – gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen wie auf der Autobahn?

Entweder aus Erfahrung, weil ich die Strecke gut kenne oder aus einem Fahrplan auf meinem Tablet. Durch den sehe ich genau, an welcher Kilometrierung ein Bahnhof kommt, oder eine Geschwindigkeitsänderung ist. Draußen an den Masten sind alle 200 Meter eine Hektometertafel zur Orientierung. Bei modernen Zügen, mit denen ich schon öfter gefahren bin und sie daher genau kenne, fange ich etwa 500-700 Meter vor dem Bahnsteig an zu bremsen. Bei älteren Zügen, mit denen ich noch keine Erfahrungswerte gesammelt habe, gilt die Faustregel: 1000 Meter.

Was ist das Außergewöhnlichste, das Ihnen in Ihrem Beruf passiert ist?

Also man sieht in meinem Job doch recht viele Promis: In meiner Zeit als Zugbegleiter habe ich von Jogi Löw und Uwe Ochsenknecht über Lena Meyer-Landrut einige Prominente getroffen. Als ich zum Beispiel zur Fahrkartenkontrolle am Platz von Jogi Löw angekommen bin, hat er gerade fest geschlafen. Soll ich also den Bundestrainer einfach wecken? Erst habe ich mal abgewartet und bin weitergegangen. Aber ich muss Ihn natürlich behandeln, wie jeden anderen Fahrgast auch. Nach einer Weile bin ich dann nochmal zu ihm und habe ihn geweckt. Er war total cool und locker, wir haben kurz gequatscht und er hat mir sogar noch ein Autogramm gegeben.

Wohin war der Bundestrainer unterwegs?

Er ist damals am Flughafen in Frankfurt eingestiegen und war nach Dortmund unterwegs. Da am Abend Bayern gegen Dortmund gespielt hat, wusste ich natürlich sofort, wo er hinwollte.

Von Jogi Löw zurück ins Ländle: Haben Sie eine Lieblingsstrecke in Baden-Württemberg?

Besonders schön finde ich die Strecke durch den Schwarzwald in Richtung Freudenstadt. Das ist in der Frühschicht ein echtes Highlight für mich. Manchmal sieht es aus wie im Märchen, wenn der Nebel über den Wiesen steht, der Zug noch recht leer ist und die Sonne langsam über dem Wald aufgeht.

Was haltet Sie von den neuen bwegt-Zügen?

Die Technik der Talent-Modelle ist mittlerweile ausgereift, sie sind also zuverlässig im Betrieb. Das bwegt-Design finde ich persönlich ziemlich cool und modern.

Sie bewegen täglich hunderte Menschen, was hat Sie denn zuletzt bewegt?

Ich werde dieses Jahr im September 30. (lacht) Das bewegt mich im Moment natürlich, ich bin zwar noch relativ jung, aber man denkt doch viel an die Zukunft – im positiven Sinne.

Sie liefern das Stichwort „Zukunft“: Wie wird sich Ihr Beruf in den nächsten 20 Jahren ändern?

Der Lokführer wird zumindest als Techniker immer an Bord sein, um den Zug zu überwachen. Ich kann ja schlecht 500 Fahrgäste sich selbst überlassen, wenn es mal eine Störung geben sollte. Da die Technik doch relativ komplex ist, brauche ich eingewiesenes Personal. Daher denke ich, werde ich in 20 Jahren noch genauso manuell fahren wie jetzt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lamprecht!

Magazin-Artikel veröffentlicht am 28.08.2018