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Mit dem Schnee-Express von Stuttgart direkt auf die Piste im Allgäu: Skitourenlehrer Till über die Berge, Lawinen und den Klimawandel.

Till Schade ist im Bundeslehrteam des Deutschen Skiverbandes. Sein Job: Er bildet Skilehrer im Tourengehen aus. © Bertil Jünemann

Das Schnee-Express-Ticket bringt Wintersportler von Stuttgart in guten drei Stunden nach Oberstdorf und abends wieder heim. Der Skipass ist im Ticket sogar mit dabei. Wir haben uns einen Experten zum Interview geholt, um die besten Tipps für Ski- und Snowboarder im Allgäu aus erster Hand zu bekommen: Till Schade ist Teil des Bundeslehrteams des Deutschen Skiverbandes. Sein Job: Er bildet Skilehrer im Tourengehen aus – Lehrer für Lehrer also. In seiner Freizeit zieht es den gebürtigen Herrenberger auch in die Berge, wohin sonst. Seine Heimat ist im Moment beruflich Kempten und so ist er der perfekte Ansprechpartner für unser Schnee-Express-Ticket. Welche Spots müssen wir kennen und was gilt es am Berg zu beachten? All das verrät er uns im Gespräch.

Till, unter Sportsfreunden darf man du sagen oder?

Auf jeden Fall, alles andere wäre komisch (lacht).

Als Wahlallgäuer kennst du die Spots in der Region bestimmt wie Deine Westentasche. Wohin lohnt es sich besonders?

Zum Skifahren ist mein Tipp, wenn’s mal schnell gehen soll, Bolsterlang. Dort kann man super die Hörnerbahn nehmen. Alternativ ist das gesamte Kleinwalsertal empfehlenswert. Speziell das Walmendinger Horn und der Ifen. Diese beiden Gebiete sind vor allem bei Neuschnee grandios. Absolute Empfehlung also!

Mit dem Schnee-Express-Ticket kommt man morgens um 5:57 Uhr aus Stuttgart schnurstracks nach Oberstdorf. Um 9:25 Uhr ist man dann schon fast auf der Piste und zwar inklusive Skipass für den Tag. Das alles gibt’s für 68 Euro/ Erwachsene. Kinder und Jugendliche zahlen noch weniger. Was sagt das Powderherz dazu, Till?

Das ist ein Wahnsinnsschnäppchen. Wenn man überlegt, was die Fellhornbahn alleine schon kostet, da ist die Bahnfahrt ja fast schon geschenkt. Dazu kommt man absolut stressfrei, ohne Stau, ohne selbst fahren zu müssen auf die Piste, besser geht’s eigentlich nicht. Ich finde diese Möglichkeit auch vor der aktuellen Klimadebatte sehr, sehr gut. Wir müssen darauf achten, einen möglichst kleinen CO2-Fußabdruck zu hinterlassen. Da ist jeder in der Pflicht.

In letzter Zeit gingen ziemliche viele Lawinen ab. Ist es unsicherer als früher oder werden die Menschen unvorsichtiger?

Im Gegenteil. Es sind viel mehr Menschen abseits der Pisten unterwegs als vor zehn oder 20 Jahren. Dennoch passieren im Verhältnis nicht mehr Lawinenunfälle. Jährlich sterben im Alpenraum etwa 100 Menschen durch Lawinen. Diese Zahl ist aber seit Jahren gleichbleibend. Daraus lässt sich ableiten, dass die Ausbildung deutlich besser geworden ist und ein höheres Bewusstsein hinsichtlich der Lawinengefahr herrscht, was sehr gut ist. Darüber hinaus werden zwar deutlich mehr riskante Routen befahren als früher, aber durch das Bewusstsein und das tiefere Wissen eben nur dann, wenn es die Bedingungen zulassen.
Eine Sache hat sich aber dennoch geändert: Es gibt mehr Gleitschneelawinen. Das könnte teilweise auf den Klimawandel zurückzuführen sein. Es werden immer häufiger Hänge warm eingeschneit und das begünstigt diese Lawinenart.

Boarder versus Skimenschen. „The war is over…“ stimmt das?

Ja, absolut (lacht). Das ist vorbei und hat sich sogar aus meiner Sicht ins Gegenteil verkehrt. Gerade im Bereich der Skitouren, gehen viele meiner Kumpels mit Splitboards – also Snowboards, die man zum Aufstieg teilen kann und zur Abfahrt wieder zusammenklickt. Wir sind also keine verfeindenden Gruppen, sondern freundschaftlich am Berg unterwegs.

Was rätst Du rund um das Thema „Freeriding“? Geht oder geht gar nicht?

Na klar geht das. Aber klar, nur mit fundierter Ausbildung und der obligatorischen Notfallausrüstung. Die besteht aus Rucksack, Lawinenverschüttetensuchgerät, Sonde und Schaufel. Das ist mal die Grundlage, um sich abseits der Piste zu bewegen.

Im Allgäu kann man bestimmt auch Skitouren gehen oder? Welche Routen sind empfehlenswert?

Im Allgäu gibt’s sehr viele Skitouren, die auch mal für einen Tag gehen. Eine die ich sehr mag, ist die zum Schnippenkopf. Startpunkt zu dieser Tour ist Sonthofen.
Außerdem haben wir im Allgäu tolle Hüttenabende. Jeden Tag in der Woche kann man abends auf eine andere Hütte, etwas trinken und essen und dann wieder runterfahren.

Till Schade weiß, worauf es in den Bergen ankommt und kennt die Alpen wie seine Westentasche. © Bertil Jünemann

Was sind Deine Lieblingsspots in den Alpen generell?

Natürlich das Allgäu! Daneben bin ich ein großer Fan von Tirol, Vorarlberg und Graubünden, dort ist man schnell. Wenn es besonders hoch sein soll, dann liebe ich das Berner Oberland und natürlich mein Favorit das Mont-Blanc-Massiv. Wenn man mit Ski am Mont Blanc ist, sollte man unbedingt die Route-Royal und nicht die Normalroute wählen. Die geht oberhalb des Hängegletschers entlang, ist hinsichtlich objektiver Gefahren also viel sicherer. Der Hängegletscher wird dann bei der Abfahrt nur kurz passiert. Mein Tipp: Wenn die Bedingungen passen, unbedingt vom Gipfel über die Nordwand.

Klimawandel und Wintersport, wie steht das zueinander?

Es ist ein schwieriges Thema. Was man sehen kann ist, dass kleine, niedrig gelegene Skigebiete oft dicht machen müssen, weil es dort nicht ausreichend viel Schnee mehr gibt. Das ist sehr schade für die Liftbetreiber, die ja auch davon leben. Andererseits freut man sich als Tourengeher, weil man wieder unberührte Gebiete und Natur hat. Man muss aber schon sagen, dass der Skitourismus wirtschaftlich für die Regionen unheimlich wichtig ist, generell in den Alpen.
Eine klimafreundliche Variante ist definitiv das Skitourengehen. Aus eigener Kraft auf den Berg und mit Rücksicht auf die Natur.

Welche Verantwortung haben wir am Berg und auf der Piste gegenüber der Natur und der Wildnis?

Eine große Verantwortung haben wir! Als Skitourengeher muss ich ganz genau wissen: Wo fahre ich runter und wo nicht, um die Flora und Fauna nicht zu stören oder sogar zu schädigen. Mir fällt leider auf, dass das Bewusstsein bei vielen nicht so ausgeprägt ist. Da wird ohne Rücksicht auf die Tiere durch den Wald gebrettert. Das zeigt uns als Lehrer, dass es wichtig ist, das zu schulen. Es gibt Spielregeln um verantwortungsbewusst und ökologisch in der Landschaft unterwegs zu sein.

Wintersportler kommen im Allgäu voll auf ihre Kosten. © polinakirilenko

Was können wir für den Klimaschutz tun, in Verbindung mit dem Wintersport?

Eine sehr Interessante Frage, die im Moment viel diskutiert wird. Eine Wissenschaftlerin hat kürzlich das Thema „Wintersport und Klima“ analysiert. Das interessante daran war, dass tatsächlich die Anfahrt ins Gebiet das Gravierendste ist. Das heißt, an dieser Stellschraube kann man drehen, um etwas zu verändern. Beispielsweise gebündelt als Gruppe ins Gebiet fahren oder aber nicht nur für einen Tag, sondern konzentriert für einige Tage. Außer natürlich man nutzt öffentliche Verkehrsmittel wie den Schnee-Express, die keinen riesen CO2-Fußabdruck hinterlassen. Das ist natürlich genial, wenn es solche Varianten gibt.

Ein Tag mit Dir im Allgäu. Es gibt ordentlich Schnee. Der Zug aus Stuttgart rollt um 9:25 Uhr in Oberstdorf ein. Was machen wir, wo sind wir?

Erstmal würde ich die Fellhornbahn auf den Berg nehmen. Dann hangeln wir uns rüber ins Kleinwalsertal. Dort toben wir uns an den Hängen der Kanzelwand aus. Vesper haben wir dabei, dann gibt’s mehr Zeit auf der Piste (lacht). 
Das Schöne an diesem Gebiet ist, dass es für erfahrene Skifahrer, als auch für Familien etwas ist. Einen ordentlichen Funpark gibt es sogar auch.

Könnte es für Dich das ganze Jahr über Winter sein?

Bitte nicht, auf keinen Fall. Es ist hier im Allgäu so schön im Sommer. Gerne klettere ich dann und fahre Mountainbike. All das würde mir total fehlen.
Aber jetzt erst mal weiter Schnee für uns hier im Allgäu!

Danke fürs Gespräch und Deine Tipps, Till!

Weitere Informationen zum Schnee-Express-Ticket finden Sie unter: Schnee-Express-Ticket

Magazin-Artikel veröffentlicht am 22.01.2020