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„Lokführerin? Der beste Beruf, den ich je hatte!“

Als Frau in einen typischen Männerberuf einsteigen? Unbedingt, sagen eine Konditorin, eine Lehramtsanwärterin und eine Bauzeichnerin. Sie haben ihre alten Jobs an den Nagel gehängt. Und gegen einen krisensicheren Arbeitsplatz eingetauscht, bei dem auch die Familie nicht zu kurz kommt.

Belegte Brötchen liegen schön angerichtet in der Theke eines Bäckers. Zur Auswahl stehen Brötchen mit Käse, Tomate und Mozzarella oder Salami. Man kann zwischen Brezeln, Baquette und Dinkelbrötchen wählen.

Sandra Kuhn saß in der Klemme: Sie musste ihren Beruf als Konditorin aufgeben, als sie schwanger war. Die Arbeit und das lange Stehen waren körperlich zu hart für sie. Nach einem Übergangsjob überlegte sie, sich als Quereinsteigerin zur Triebfahrzeugführerin ausbilden zu lassen – beim Eisenbahnverkehrsunternehmen Abellio. „Mein Mann hat diesen Weg ebenfalls gewählt und da konnte ich mir vorstellen, dass das auch für mich ein ganz schöner Beruf sein könnte“, erzählt die 27-jährige. Vielleicht die beste Entscheidung, die sie je getroffen hat.

Erst Konditorin, bald Lokführerin. Quereinsteigerin Sandra Kuhn darf bald in die Abschlussprüfung gehen – und dann bei Abellio selbstständig Züge steuern.

Als Quereinsteiger finanziell unabhängig

Auch der Mann von Annette Carle hatte mit dem Beruf als Lokführer geliebäugelt. Als seine Frau nach einer kaufmännischen Ausbildung ihr Staatsexamen als Lehrerin nicht erfolgreich beenden konnte, meinte er: „Wäre denn Triebfahrzeugführerin nicht was für dich?“ Und davon kam Annette Carle nicht los: Sie machte sich im Internet über das Berufsbild schlau und recherchierte, ob es eine Ausbildungsmöglichkeit in der Nähe ihres Wohnorts gibt.

Denn was dieser Beruf zu bieten hat, wissen die meisten vielleicht gar nicht. Sie schon: Madlen Wache ist Ausbilderin für Lokführer bei der DB Regio. Die gelernte Bauzeichnerin hat vor vier Jahren ihr Leben komplett umgekrempelt. „Ich hab mich dann über den Quereinstieg zur Triebfahrzeugführerin ausbilden lassen“, sagt sie. „Für mich war damals auch wichtig, dass ich schon während der Ausbildung Geld verdiene, um mein Leben finanzieren zu können.“ Inzwischen hat sie sich weiterqualifiziert und bildet selbst künftige Lokführer – und Lokführerinnen – aus.

Madlen Wache weiß: Dank verschiedener Arbeitszeitmodelle lassen sich Familie und Beruf gut zusammenbringen. Die frühere Bauzeichnerin bildet heute selbst Lokführer aus – Männer und Frauen.

Männer als tolle Teamkollegen

Aber vorne in der Lok Züge durch die Landschaft steuern? Kein typischer Frauenberuf – oder? Noch sind Frauen hier in der Minderheit. „Bei der Westfrankenbahn haben wir grade mal 12 aktive Lokführerinnen“, berichtet Madlen Wache. „Das entspricht zehn Prozent.“ In den Lehrgängen mit durchschnittlich 12 Teilnehmern ist meist nur eine Frau. Das war auch bei Sandra Kuhn so. Annette Carle hatte noch eine zweite Kollegin in ihrer Ausbildung.

Probleme mit den männlichen Kollegen? Fehlanzeige! „Ich finde es einfacher, mit Männern zu arbeiten“, sagt Annette Carle. „Da gibt es nicht so ein Gezicke wie unter Frauen.“ Sandra Kuhn ist von ihren männlichen Kollegen sogar zur Klassensprecherin gewählt worden. Dass der Zusammenhalt in der Gruppe riesig ist, von Teamgeist und gegenseitiger Unterstützung geprägt, haben beide erfahren.

Engagement in der Ausbildung lohnt sich

Das Lernpensum ist allerdings enorm. „Die einzelnen Module werden schnell durchgearbeitet und regelmäßig geprüft“, berichtet Sandra Kuhn. „Da muss man schon abends zu Hause weiterlernen.“ Ihr Ausbilder bei Abellio ist aber rund um die Uhr erreichbar und sorgt dafür, dass keine Frage ungeklärt bleibt.

Ein Bürojob? Kommt für Annette Carle nicht mehr in Frage. „Wenn ich auf der Strecke in der Natur unterwegs bin, Hasen, Rehe und den Sonnenaufgang sehe, fasziniert mich das jeden Tag aufs Neue.“

Annette Carle hat ihre 11-monatige Ausbildung bereits hinter sich und fährt inzwischen bei der Westfrankenbahn die Strecke von Crailsheim nach Heilbronn oder Aschaffenburg. „An das frühe Aufstehen muss ich mich schon noch gewöhnen“, sagt sie. „Aber wenn ich dann auf der Strecke in der Natur unterwegs bin, Hasen, Rehe und den Sonnenaufgang sehe, fasziniert mich das jeden Tag aufs Neue.“ Gegen einen Bürojob würde die 40-jährige diesen Arbeitsplatz nie eintauschen wollen.

Sandra Kuhn, die ehemalige Konditorin, hat erst ihre theoretische Ausbildung hinter sich. Jetzt ist sie mit einem Lokführer im Schichtdienst unterwegs. Er erklärt ihr die Bedeutung der verschiedenen Signalstellungen und wie das Kuppeln und Entkuppeln funktioniert. Bevor sie dann einen Zug ganz allein steuern darf, muss sie noch 40 Schichten in Begleitung eines Ausbildungslokführers fahren - und dann die Abschlussprüfung bestehen.

Familie und Beruf: kein Problem

„Körperliche Arbeit wie früher in diesem Beruf ist nicht mehr nötig“, erklärt Ausbilderin Madlen Wache. „Schichtarbeit und Wochenenddienst alle 14 Tage gehören allerdings immer noch dazu.“ Die Arbeitszeiten sind aber lange im Voraus bekannt und so kann auch das Familienleben rechtzeitig geplant werden. „Wir bieten verschiedene Arbeitszeitmodelle an, die unsere Mitarbeiter passend zu ihrer persönlichen Situation wählen können.“ Das kann Annette Carle nur bestätigen: „Mein Mann arbeitet auch im Schichtdienst und trotzdem funktioniert es, dass immer einer von uns zu Hause bei den Kindern ist.“

Systemrelevanter Beruf mit Zukunft

Auch Sandra Kuhn ist mit ihrer Berufsentscheidung als Triebfahrzeugführerin voll zufrieden und erlebt mit ihrem Mann den gemeinsamen Arbeitgeber Abellio als familienfreundliches Unternehmen. „Wenn man sich richtig reinhängt, kann man hier gutes Geld verdienen und bekommt einen unbefristeten Vertrag“, weiß die künftige Lokführerin.

Krisensicher ist der systemrelevante Beruf allemal – auch in Zeiten von Corona. „Und nachhaltig im Sinne des Klimaschutzes“, ergänzt Sandra Kuhn. „Umso mehr, wenn die Diesel-Loks dann alle durch elektrische Triebfahrzeuge ersetzt sind.“

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Magazin-Artikel veröffentlicht am 22.09.2020