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Lieber mit Rad und Bahn als mit dem Auto.

Vier BerufspendlerInnen über ihre Mobilitätserfahrungen zwischen Stuttgart, Schwäbisch Hall, Filderstadt und Mainz.

Pendler Martin Klingler vor einem bwegt Zug am Stuttgarter Bahnhof.

Von Jürgen Brand

Nachhaltige Mobilität ist eines der großen Themen unserer Zeit, gerade auch im Zusammenhang mit der Klimakrise. Auch in Stuttgart wird viel darüber diskutiert und nicht selten auch gestritten. Die Landesregierung hat sich gerade mit der ÖPNV-Strategie 2030 große Ziele gesetzt: „größeres Angebot, dichtere Takte, bessere Vernetzung, attraktive Tarife, gute Fahrzeuge und Infrastruktur sowie Vorrang für den ÖPNV”. Unter der Dachmarke „bwegt” werden alle Maßnahmen dafür gebündelt, damit die Zahl „der jährlich gefahrenen Personenkilometer” bis 2030 verdoppelt werden kann. Vier zufällig ausgewählte Stuttgarter probieren das schon aus - und erzählen ihre Erfahrungen mit Rad, Bahn und Auto in der Stadt, im Land und darüber hinaus.

Pendlerin Miriam Teige mit dem Rad vor der Zacke Bahn in Stuttgart.

Miriam Teige nutzt auch mal die Zacke. Foto: Jürgen Brand

Mobilitätsluxus in der Stadt

Miriam Teige hatte viele Jahre lang den Luxus eines Firmenwagens. Als die alleinerziehende Mutter vor einigen Jahren den Arbeitsplatz wechselte, fiel dieses Privileg, wie sie es selbst nennt, weg. Die 51-Jährige hatte sich ihren neuen Arbeitgeber, die EnBW - Energie Baden-Württemberg AG ganz bewusst ausgesucht. „Ich wollte nicht mehr Dutzende von Kilometern pendeln”, sagt sie. Und sie traf noch eine Entscheidung: Sie wollte sich kein eigenes Auto kaufen. „Da hab ich mir den Traum eines schönen E-Bikes erfüllt, mit dem ich jetzt fast alle Fahrten erledige. Das ist mein persönlicher Beitrag zum Umweltschutz.”

Teige ist bei der EnBW Pressesprecherin für den Bereich Windenergie und wohnt in Degerloch. „Ich habe eigentlich Mobilitätsluxus pur”, sagt sie, die sich beispielsweise auch per Twitter über die „bwegt”-News informiert. Mit dem Rad dauert es 15 Minuten bis zu ihrem Arbeitsplatz im Fasanenhof. Wenn es regnet, kann sie zwischen zwei fußläufig erreichbaren Stadtbahnhaltestellen wählen und ohne umzusteigen bis zur EnBW-City fahren. Runter in die Stadt kommt sie per Pedelec über den Schimmelhüttenweg oder mit der Zacke. Und wenn sie einmal ein Auto braucht, hat sie zwei Car-Sharing-Fahrzeuge gleich um die Ecke.

Mit der Stadtbahn ist sie „total zufrieden”, Bahn fährt sich auch, zuletzt beruflich zu einer Messe nach Husum, sieht da aber noch viel Luft nach oben. Und die Radwege in Stuttgart bezeichnet sie als „Totalkatastrophe”. Stuttgart sei eine Autostadt, keine Fahrradstadt. Natürlich gebe es Menschen, die das Auto bräuchten, vor allem auf dem Land. Aber in Städten wie Stuttgart müssten alle Mobilitätsformen gleichermaßen berücksichtigt werden. Ihre Wünsche für die Mobilität der Zukunft: eine Modernisierung der Bahn auf einen zeitgemäßen Zustand, dann würde sie sich auch eine BahnCard kaufen. Und „eine richtig tolle Fahrradinfrastruktur”, wie es sie beispielsweise in den Niederlanden schon gebe und wie sie gerade in Paris geschaffen werde.

Portrait von Pendler Martin Klingler

Martin Klingler lässt den Firmenwagen jetzt öfter stehen und fährt mit der Bahn nach Schwäbisch Hall. Foto: Jürgen Brand

Firmenwagen oder Bahn

Martin Klingler hat einen Firmenwagen. „Wenn man ihn hat, heißt das aber nicht, dass man ihn auch die ganze Zeit nutzen muss”, sagt er und fährt gerade öfter mit der Bahn nach Schwäbisch Hall. Klingler ist Direktor Marketing/Digitalisierung der Agentur marbet, einem Unternehmen der Würth-Gruppe mit Sitz in Hall. Der verheiratete Familienvater wohnt im Stuttgarter Norden, den Hauptbahnhof erreicht er per Kurzstrecke oder Tretroller und er ist schon früher täglich mit dem Zug nach Frankfurt zu einem früheren Arbeitgeber gependelt.

„Man muss sich dagegen wehren, alles mit dem Auto zu tun, weil es umsonst ist”, sagt Klingler. Etwa eine Stunde braucht er mit der Bahn bis Schwäbisch Hall. „Das Auto braucht manchmal länger, schneller schafft man es auf keinen Fall” - und es sei deutlich anstrengender, als mit der Bahn zu fahren. Im Zug könne er Projekte durchdenken, Texte redigieren, Mails abarbeiten oder etwas lesen, wozu er sonst keine Zeit hätte.

Martin Klingler hat jede Stunde Anschluss, „das reicht mir von der Flexibilität”. Und umsteigen müsse er auch nicht, das sei ja oft ein Problem.  Er wünscht sich lediglich eine bessere technische Anbindung, also WLAN, vielleicht auch mal gemütlichere Sitze. Aber insgesamt sagt er: „Für mich ist das sehr komfortabel und ganz easy.” Jetzt will er das Thema Bahnfahren in sein Jahresendgespräch einbringen - und auch zu manchen Kunden mit dem Zug fahren.

Portrait von Pendlerin Jessica Riek.

Jessica Rieck fährt meistens Rad. Foto: Jürgen Brand

Rad oder Bahn

Jessica Rieck hatte genau zwei Jahre lang ein Auto. Auch das war ein Dienstwagen bei ihrem früheren Arbeitgeber. Als die 31-Jährige als Senior Consultant zu Drees & Sommer mit Sitz im Gewerbegebiet Obere Waldplätze in Vaihingen wechselte, verzichtete sie bewusst auf den Firmenwagen - und entschied sich für das Pedelec. Bis vor Kurzem wohnte sie im Stuttgarter Süden, von wo aus sie durch Kaltental zur Arbeit fuhr, inzwischen ist sie zu ihrem Freund nach Filderstadt-Bernhausen gezogen. Mit dem Rad braucht sie etwa 40 Minuten bis zu ihrem Arbeitsplatz, mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es morgens bis zu einer Stunde.

Von Bernhausen aus kann sie zwar problemlos mit der S-Bahn nach Vaihingen fahren, das geht auch schnell. Das Problem war der schlecht getaktete Anschluss-Bus ins Gewerbegebiet. Inzwischen hat Drees & Sommer - nachdem Gespräche über eine bessere Bustaktung ergebnislos verlaufen waren - in den Hauptzeiten einen eigenen Bus-Shuttle für Mitarbeiter eingerichtet. Jetzt ist für Jessica Rieck bei schlechtem Wetter auch diese Variante wieder eine Alternative.

Die Bauingenieurin würde sich wünschen, dass Stadtplaner heute die Perspektive von allen Verkehrsteilnehmern einnehmen würden und nicht mehr nur wie früher aus Autosicht planen. Ihr Lieblingsbeispiel dafür ist die Kreuzung Charlottenplatz mitten in Stuttgart. Die Sicht der Radfahrerin oder Fußgängerin: „Im schlimmsten Fall stehe ich dort fünf Mal vor Rot, bevor ich über die Kreuzung bin. Ein Autofahrer steht nur an einer roten Ampel.” Oder „ihr” Radweg zwischen Bernhausen und Leinfelden-Echterdingen. „Dort steht ein Schild ‚Wird im Winter nicht geräumt’. Aber die Straße wird doch auch geräumt.”

Ganz auf das Auto verzichtet Jessica Rieck nicht. Zum einen hat ihr Freund eins, mit dem sie allerdings selbst bis jetzt noch nicht gefahren ist. Zum anderen kann sie bei Fahrten zu Kunden auf Poolwagen zurückgreifen. Das macht sie aber nur, wenn die Verbindungen mit der Bahn zu kompliziert und die Anschlüsse zu knapp sind. „Ich versuche immer eine Zugverbindung zu bekommen, wo ich durchfahren kann.”

Portrait von Pendlerin Julia Kühne

Julia Kühne pendelt einmal die Woche nach Mainz. Foto: Jürgen Brand

Umsteigen ist Stress

Julia Kühne fährt nur noch selten mit dem eigenen Auto. Sie wohnt mit ihrer Familie im Stuttgarter Süden, ist seit 2008 Geschäftsführerin der Kommunikations- und Design-Agentur Gold & Wirtschaftswunder in der Christophstraße in Stuttgart-Mitte - und sie ist Professorin für Gestaltungsgrundlagen und medienübergreifende Designkonzepte an der Hochschule Mainz. Deswegen pendelt sie seit rund zehn Jahren zumindest in der Vorlesungszeit einmal die Woche von Stuttgart nach Mainz und zurück.

„Ich bin in der ganzen Zeit ein einziges Mal mit dem Auto gefahren, weil ich dachte, es geht schneller. Das war ein Fehler, das mache ich nicht nochmal”, erzählt sie. Sie fährt Bahn, allerdings versucht sie dabei immer, Direktverbindungen zu nehmen. „Lieber fahre ich eine Stunde länger.” Bei Umsteigeverbindungen müsse man schon Gelassenheit mitbringen. „Dass man immer Sorge hat, den Anschluss zu verpassen, ist schon Stress.”

Andererseits sagt die erfahrene Bahn-Pendlerin auch: „Ich kann das Gejammere über die Bahn nicht so richtig unterschreiben.” Vieles können man in einem so großen Land mit so vielen Reisenden einfach nicht planen, egal ob Unwetter oder Unfall. „Trotzdem geht es immer irgendwie”, sagt Julia Kühne. “Ich habe es noch gar nie erlebt, dass ich abends nicht nach Hause gekommen bin.” Und: „Die Zugbegleiter sind ausgesprochen nett und freundlich.” Gerade die müssten sich viel anhören, seien oft „der Mülleimer” für die Reisenden. Diese sind nach ihrer Einschätzung in den vergangenen zehn Jahren sehr viel rücksichtsloser geworden, egal ob es um lautes Telefonieren, das Anschauen von Videos ohne Kopfhörer oder auch um andere Egoismen gehe. Aber das sei wohl eher ein gesellschaftlicher Trend.

Die Ticketpreise findet die BahnCard-Besitzerin im Bereich der Sparpreise gut, der Preis mit voller Zugflexibilität sei aber schon happig. Sie erlebt auch manchmal, dass die Züge „in einem schäbigen Zustand” seien oder im “eher traurigen” Bordbistro Dinge nicht funktionierten, über nicht verfügbares WLAN will sie gar nicht erst sprechen. Einen Tipp für die Bahn hat sie auch, ohne dass sie sich anmaßen will, es besser zu wissen: Sie glaubt, dass Bahnfahren für viele Menschen einfacher wäre, wenn die Umsteigezeit großzügiger bemessen wäre. „Die Planung geht nach meinem Eindruck immer vom Best Case aus, also dass immer alles passt. Aber so funktioniert es ja nie im Leben.”

 

Magazin-Artikel veröffentlicht am 09.12.2021

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