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Kollision mit Straßenbahn – was passiert im Ernstfall?

Ohne David Weidmann läuft nichts im Nahverkehr der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG). Der Disponent steuert 300 Zugbewegungen pro Tag, per Software an den Bildschirmen der Leitstelle in Karlsruhe. Und muss bei Zwischenfällen zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen einen kühlen Kopf bewahren und kompetent handeln.

Mann sitzt vor Bildschirmen in der Leitstelle.

Quelle: Paul Gärtner / KVV

Immer in Alarmbereitschaft ist David Weidmann. Auch wenn die Züge der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) an diesem Tag bislang störungsfrei im 600 Kilometer langen Schienennetz rollen. Aber schon in der nächsten Sekunde kann es mit der Ruhe vorbei sein. Dann, wenn etwa ein PKW mit einer der Karlsruher Stadtbahnen kollidiert. „Wenn möglich, halte ich über Funk den Kontakt zum Fahrer der Bahn und versuche, mir sofort zusammen mit ihm ein Bild von der Lage zu machen."

Leistelle von oben. Bildschirme und Schreibtische.

Fahrbahn blockiert oder ein Lokführer ist krank? David Weidmann setzt in der Leitstelle der AVG alle Hebel in Bewegung, so dass die Bahnen bald wieder fahren. Quelle: Paul Gärtner / KVV

Störungen schnell beheben

Auf die Situation vor Ort muss der Disponent dann ganz schnell reagieren. Eine Anleitung dafür gibt es in seiner Schreibtischschublade in der Leitstelle aber nicht. David Weidmann checkt rasch die Fakten: Gibt es Verletzte? Glücklicherweise nein. Also kein Rettungsdienst nötig. Die Polizei hat er schon alarmiert, um den Unfall aufzunehmen. Offensichtlich sind auch die Bahn und der PKW noch fahrtüchtig. Abschleppdienste müssen also nicht organisiert werden. Allerdings ein Schienenersatzverkehr, damit die Fahrgäste auf der Linie sofort wieder mobil sind. Und er muss die Kollegen in der Werkstatt informieren. Denn nur die können die Unfallschäden der Bahn feststellen und reparieren – so schnell, wie irgend möglich.

Domino-Effekte im Karlsruher Netz vermeiden

Auch Falschparker behindern immer wieder die planmäßige Fahrt der Straßenbahnen. Im Fall erkrankter Triebfahrzeugführer muss David Weidmann kurzfristig personelle Lücken schließen. Oder bei technischen Störungen kühlen Kopf bewahren. Den Kurzschluss, der 2015 die Strecke von Bruchsal nach Odenheim lahmlegte, hat er noch nicht vergessen. „Alle Kolleginnen und Kollegen in der Leitstelle und draußen vor Ort haben hier perfekt zusammengehalten, um den Bahnbetrieb so schnell wie möglich wieder zu stabilisieren“, erinnert sich David Weidmann. Sein Job in der Leitstelle ist immer auch eines: Teamarbeit.

Eine zusätzliche Herausforderung für den Zugdisponenten ist das „Karlsruher Modell“. Es verknüpft die innerstädtischen Straßenbahnstrecken mit den Eisenbahnlinien im Umland – bis nach Freudenstadt, Germersheim, Heilbronn und Pforzheim. Super-schnell und komfortabel für die Fahrgäste. Das effiziente Netz ist aber auch sensibel. „Denn eine Störung auf einer Verkehrslinie in Karlsruhe kann ganz schnell zu einem Domino-Effekt im gesamten Schienennetz des Karlsruher Verkehrsverbunds führen“, weiß David Weidmann. Und der muss unbedingt vermieden werden.

Mann schaut auf einen Bildschirm.

Das Schienennetz kennt David Weidmann wie seine Westentasche. Damit das auch so bleibt, tauscht er für ein paar Tage im Monat Computer gegen Lok – und steuert selbst wieder Züge. Quelle: Paul Gärtner / KVV

„Die Strecken kenne ich in- und auswendig“

Dazu braucht er nicht nur modernste Steuerungssoftware, sondern auch seine Detailkenntnisse des AVG-Netzes. Die hat er, weil er als ausgebildeter Triebfahrzeugführer selbst sieben Jahre die Züge gesteuert hat. Auch jetzt als Disponent macht er immer wieder ein paar Tage im Monat Strecke in einer Stadtbahn, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

 „Wenn ich als Disponent bei einer Störung im Netz eine Lösung finden muss, brauche ich auch die Unterstützung der Kollegen in den Fahrzeugen. Und die merken sehr schnell, ob man die Strecken und die Infrastruktur draußen kennt“, erklärt Weidmann.

Dadurch weiß er auch, wo er welche Züge mit welcher Länge und welchen Fahrzeugführern einsetzen kann. Denn die sind nicht beliebig austauschbar. Auf der Linie nach Freudenstadt etwa sind nur Fahrzeuge erlaubt, die die Steilstrecke dort sicher bewältigen können. Und die Lokführer dürfen nur die Fahrzeugtypen steuern, für die sie auch ausgebildet sind.

Der Hüter des Schienennetzes

Die Corona-Pandemie fordert von David Weidmann jetzt noch mehr Flexibilität als üblich. Aktuell ist er ausquartiert von der Leitstellenzentrale auf den Notbedienplatz im Außenbahnhof Upstadt. Denn auch die Disponenten müssen natürlich die AHA-Regeln und den nötigen Abstand zu den Kolleginnen und Kollegen einhalten. Schließlich ist ihre Arbeit systemrelevant: Ohne das „Go“ von Weidmann und seinen 55 Kollegen darf kein Zug im Netz der AVG eingesetzt werden, kein Triebfahrzeugführer ihn steuern.

Klar, dass David Weidmann auch in dieser Ausnahmesituation die Zufriedenheit der Fahrgäste immer voll im Blick hat. Schließlich sind sie es, für die er die Züge auf die Strecke schickt. Und sie mit den aktuellen Fahrgastinformationen auf dem Laufenden hält. Egal, ob alles normal läuft. Oder schnell mal eine Krisensituation gelöst werden muss.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 25.11.2020

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