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Ingo Ruff – die Stimme der Bahn mit dem Hang zum Ländle.

Bahnfahrende kennen Ingo Ruff garantiert. Aber kein Mensch würde auf den 54-Jährigen aufmerksam, säße er neben ihnen im Zug. Beispielsweise könnte das in der Fankenbahn des bwegt-Netzes von Osterburken nach Stuttgart sein. Das Erkennungsmerkmal ist nicht sein Gesicht, sondern Ruffs sonore Stimme. Um seinen virtuellen Bekanntheitsgrad zu testen, könnte er mit kräftiger Stimme ins Abteil rufen: „Nächster Halt Neudenau. Ausstieg in Fahrtrichtung links. Bitte achten Sie beim Ausstieg auf den Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteigkante.“ Es ist sehr wahrscheinlich, dass mancher Fahrgast – ohne einen Blick aus dem Fenster zu werfen – automatisch anfängt, seine Sachen für den scheinbar baldigen Ausstieg zusammenzupacken. Die Stimme klingt so vertraut, dass jeder Fahrgast ihr blind folgt. Wenn jedem klar geworden ist, dass die Ansage original gesprochen wurde und nicht aus den Lautsprechern kam, besteht kein Zweifel mehr: Diese Stimme gehört zu einem Menschen und ist nicht das Ergebnis einer Computerprogrammierung.

Ingo Ruff ist die Stimme der Bahn, und das bald seit 30 Jahren. Damals war er in einem Tonstudio angestellt, das der Bahn gehörte. Zu dieser Zeit kam die Sprachdigitalisierung auf. Die neue Technik machte individuelle Ansagen mit weniger Aufwand möglich. „Mein ehemaliger Chef sagte zu mir, Ingo, du bist es, du machst es ab heute. Das war mein Casting.“ Geschätzt 1,8 Milliarden Menschen hören ihn aktuell im Jahr. Damit hat der Berliner die am häufigsten gehörte Stimme in Deutschland. Besonders präsent ist sie im Regional- und Nahverkehr und damit auch im Schienennetz von bwegt in Baden-Württemberg. „Im ICE und IC sind meine Ansagen eher die Ausnahme“, sagt Ruff ohne Bedauern. Er dagegen sei die Stimme der Verkehrsverbünde von Weesby an der dänischen Grenze bis Wutöschingen im Südschwarzwald nahe der Schweiz.

Viel Aufwand für die richtige Aussprache aller Ortsnamen

Ingo Ruff ist 1965 in Ost-Berlin geboren. Dort wohnt er heute noch. Biesdorf ist sein Heimatkiez. Seine eigene Agentur, in der zweimal im Jahr die Ansagen in einem Tonstudio aufgenommen werden, ist gleich vor der Haustüre. „Im April und Mai produzieren wir die Ansagen für den kleinen Fahrplanwechsel im Juli. Im Oktober und November produzieren wir die Ansagen für den großen Fahrplanwechsel“, erläutert er. Die Texte kommen von den DB-Regionen und anderen Verbünden per Mail.

Dann beginnt für ihn eine sehr intensive Zeit. „Meine Aufgabe besteht darin, die Ansagen richtig auszusprechen. Es ist als Berliner gar nicht so einfach, sämtliche Orte, die es in Deutschland gibt, richtig auszusprechen.“ Ob der Halt nun Neudeenau, Neuden-au oder Neude-nau ausgesprochen wird, klärt er vorab: „Wir telefonieren mit Kontaktpersonen in den Regionen und zeichnen das Gespräch auf. Dann wird mir über Kopfhörer, die richtige Ansage eingespielt.“ Manchmal allerdings seien sich die Zulieferer aus den Regionen nicht einig, wie ein alter Ortsname auszusprechen ist. Dann werden eben mehrere Versionen in einer Tondatei beim Auftraggeber abgeliefert. Texte in Fremdsprachen insbesondere in Englisch („next station“) oder Französisch („prochain arrêt“) werden von Muttersprachlern gesprochen. „Ich könnte das nicht so perfekt.“

60 Ansagen in der Stunde – wenn es im Tonstudio gut läuft

Reden ist richtig Arbeit: „Ich habe bis heute über 7000 Ansagen gesprochen. Jede Ansage sprechen wir drei- bis viermal ein. Die beste Variante nutzen wir dann.“ Reine Stationsansagen wie, nächster Halt Ort xy, schafft er 60 in der Stunde – wenn es optimal läuft. „Es hängt von der Stimmung ab, wie viele Ansagen wir an einem Tag schaffen.“ Ein Aufnahmeleiter kontrolliere, dass die Motivation im Lauf des Tages nicht nachlässt. Seine Ansage, „es ist nicht ganz so freundlich wie am Anfang“, ermahnt ihn. „Das kommt schon vor. Eine Stimme kann täglich anders klingen.“

Sind die Aufnahmen zur Zufriedenheit des Aufnahmeleiters aufgezeichnet, werden sie klanglich optimiert: „Wir mastern die Ansagen, so dass sie bestmöglich im Fahrzeug zu hören sind.“ Das herauszufinden sei technisch aufwendig. „Wir führen Messfahrten durch, um herauszufiltern, wie der höchstmögliche Wirkungsgrad einer Ansage ist.“

In Baden-Württemberg ist Ingo Ruff mehr unterwegs als in Berlin

Trotz Leben und Arbeiten in einem Kiez ist Ruff ein Mensch der weiten Wege. Sein Organ ist längst zur Marke und zum Werbeträger geworden. Verkehrsverbünde in ganz Deutschland und auch bwegt engagieren ihn für Messen und sonstige Veranstaltungen. Als Moderator wirkt er mit seiner bekannten Stimme auf das Publikum wie ein Magnet. Verkehrsverbünde sind in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders häufig. Das hat Auswirkungen auf sein Leben: „Ich bin gerne in Berlin. Aber ich bin genauso gerne im Ländle. Wir arbeiten seit über 15 Jahren mehr im Ländle als bei mir in Berlin.“

Ruffs Ansagen sind akzentfrei. Im persönlichen Gespräch berlinert er leicht. Schwäbisch und Badisch kann er nach seinem Bekunden nicht. Und dennoch: „Ich fühle mich als Baden-Württemberger, sagen wir es mal so.“ Über die jahrelange Tätigkeit für die Verkehrsverbünde und die touristischen Partner sei ihm das Land „ans Herz gewachsen“. Er kenne sich in Baden-Württemberg „mittlerweile besser aus als bei mir in Berlin oder in Brandenburg“. Irgendwie möchte man das bei seiner langen Lebenszeit in Berlin nicht glauben. Er lacht, „gut, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber im Prinzip kann man das schon so sagen“. Er habe noch keine Zweitwohnung im Ländle. „Ich betone das noch.“ In Baden-Württemberg liebe er besonders die Kontraste.

Sammler von Ansagen veröffentlichen ihre Schätze auf YouTube

Er oder sie hat sich in seine Stimme verliebt. So beginnen manche Romanzen. Doch solche romantischen Begegnungen habe er bislang nicht gehabt, sagt Ruff. Also keine Liebesbriefe oder gar Heiratsanträge. Briefe bekomme er dagegen von Fans des Schienenverkehrs. „Manche Bahnfahrer sind regelrechte Ansagensammler.“ Ihre Schätze veröffentlichen sie auf YouTube. „Manchmal kommen Messebesucher und möchten ein Selfie machen. Das kommt schon mal vor.“ In den vergangenen Jahren seien es zudem mehr ÖPNV-Fans geworden.

Die Stimme der Bahn bleibt gerne hinterm Mikrofon. Vor die Kamera will er nicht unbedingt. „Ich würde gerne einmal Zeichentrickfilme vertonen oder einen Film synchronisieren.“ Er sei noch nicht gefragt worden. „Aber das wäre eine spannende Geschichte.“ Seine Karriere sieht er jedenfalls noch lange nicht am Zielbahnhof. Nächster Halt …, wer weiß.

Nach mehrtägigen Live-Moderationen nicht gleich ins Studio

Ruff hat wieder einmal einen hektischen Messetag hinter sich. „Ich habe von 10 bis 15.30 Uhr durchgemacht. Aber das ist normal.“ Seine Stimme krächzt leicht. In diesem Fall liegt das an einer Erkältung, aber die Messeauftritte legen sich durchaus auf die Stimme. Sein Aufnahmeleiter lässt ihn dann für ein paar Tage pausieren. Die Stimme der Bahn braucht Ruhe.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 07.02.2020

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