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Immer für die Fahrgäste da – auch in der Krise.

Eigentlich beginnt Cem Ergün seinen Tag wie immer: Aufstehen, Duschen, Frühstück. Und doch ist nichts wie es war in Zeiten von „Corona“. In seinem Job, in dem er für gewöhnlich viel Kundenkontakt hat, hat sich einiges verändert.

Cem Ergün ist mit Leib und Seele Kundenbetreuer in den Abellio-Zügen. Sein Schichtdienst beginnt in der Meldestelle in Heilbronn. Wenn er dann wie heute über den Bahnhof zu dem Zug geht, den er begleitet, ist alles irgendwie anders als sonst: „Die Leute fehlen, man sieht niemanden mehr“, sagt Ergün.

Angst, meint er, habe er keine. Aber gemischte Gefühle schon, seit das Corona-Virus hier im Land angekommen ist.

Zusammenhalten

Die Kolleginnen und Kollegen sind nachdenklicher geworden. Auch im Team ist jetzt als Schutzmaßnahme Abstandhalten angesagt. „Aber die Mitarbeiter sind nach wie vor hochmotiviert und machen einen guten Job“, beschreibt Gebietsleiter Timo Junginger-Amos die Stimmung. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Der Austausch untereinander ist in den letzten Tagen intensiver geworden. Schließlich will man sich darüber austauschen, wie jetzt der Kontakt mit den Fahrgästen, die noch da sind, funktionieren kann. Und wie sich die Kundenbetreuer selbst vor einer Ansteckung schützen.

Fahrgäste informieren

Ergün achtet genau darauf, dass die Hygieneregeln der Behörden eingehalten werden. „Das ist sehr, sehr wichtig“, betont er. Vor allem beim Ein- und Aussteigen in die Bahn ist es aber nicht immer einfach, die nötige Distanz zu wahren. Sobald sich der Zug in Bewegung setzt, macht Cem Ergün seine Durchsage und informiert wie üblich darüber, wohin die Fahrt geht. Aber dann weist er die Fahrgäste auch darauf hin, Abstand zu halten, auf die eigene Hygiene zu achten, sich möglichst nicht mit bloßen Händen an den Stangen im Wagen festzuhalten.

Er macht noch einen Kontrollgang durch den Zug und legt die Corona-Infoflyer auf die freien Sitzplätze. Vor allem verschafft er sich aber einen Überblick über die Zahl der Fahrgäste an Bord. Und ob sie genügend Abstand zueinander haben. Das macht Ergün, um die Gäste auf freie Bereiche in den Fahrzeugen aufmerksam zu machen. Und der Leitstelle im Bedarfsfall zu melden, falls auf einer Fahrt mehr Kapazitäten gebraucht werden sollten. „Bisher war das aber noch nie nötig“, sagt er.

Den Überblick behalten

Dann geht Cem Ergün in den zweiten, nicht besetzten Führerstand des Zugs. Dort hält er sich für den Rest der Fahrt auf. Bei jedem Streckenhalt öffnet er das Fenster und beobachtet, wie viele Fahrgäste ein- und aussteigen. „So kann ich einschätzen, wie voll der Zug ist. Und ob ich nochmal kontrollieren sollte, dass alles seine Ordnung hat auf der Fahrt“, erklärt der Kundenbetreuer. Die Überprüfung der Tickets findet jetzt allerdings nicht mehr statt. Mitgeführt werden müssen sie aber nach wie vor.

Souverän bleiben

Nur einmal musste Ergün in den letzten zwei Wochen einschreiten. Als eine Handvoll Jugendlicher ein Abteil zum Veranstaltungsort ihrer Corona-Party macht. Das mitgebrachte Bier schütten sie auch in den Wagen. Als eine eindringliche Zurechtweisung keinen Erfolg bringt, verständigt Ergün den Lokführer des Zugs per Funk. Von dort geht eine Meldung weiter über die Leitstelle zur Polizei. Beim nächsten Halt am Bahnhof Eberbach steigen die Beamten ein. Cem Ergün stellt für jeden der alkoholisierten Fahrgäste noch ein 40-Euro-Ticket für erhöhtes Beförderungsentgelt aus. In Polizeibegleitung verlassen die Jugendlichen den Zug. Die Fahrt geht weiter.

Gesundheitsbehörden unterstützen

„Das war eine Ausnahmesituation“, sagt Ergün. „Die meisten Leute halten sich an die Vorschriften. Auch mit einem Corona-Verdachtsfall ist er bislang noch nicht konfrontiert worden. Er weiß, dass es für diese Situation eine Dienstanweisung gibt und er dann unter anderem die betroffenen Fahrgäste zum Ausfüllen einer Aussteigekarte auffordern müsste. So ist gewährleistet, dass sich die Gesundheitsbehörden – sofern sich der Verdacht bestätigt –  direkt mit den Personen in Verbindung setzen können, die sich im unmittelbaren Umfeld einer infizierten Person aufgehalten haben.

Da sein

Wichtig ist dem Kundenbetreuer, die Fahrgäste gerade in Zeiten der Corona-Pandemie nicht allein zu lassen. „An Bahnhöfen mit Anschlussmöglichkeiten sind wir am Bahnsteig weiter persönlich für Reiseauskünfte da. Mit ausreichend Abstand halt“, versichert Ergün. „Ansonsten können uns die Fahrgäste im Zug immer über die Ruftasten an den Türen erreichen, wenn sie Hilfe brauchen.“

Besonnen und aufmerksam wird Cem Ergün seine Arbeit fortsetzen. Auch in der nächsten Woche. „Ein bisschen traurig bin ich dann schon“, sagt er. „Der geplante Urlaub in Istanbul mit der Familie und den Kollegen ist vom Veranstalter abgesagt worden.“

Magazin-Artikel veröffentlicht am 27.03.2020