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„Ich fahre gerne Bus und Bahn, aber nicht mehr unbeschwert“.

Kathrin Kammerer pendelt seit Jahren zwischen Tübingen und Reutlingen. Eigentlich ein Katzensprung und trotzdem manchmal eine Herausforderung. Auch und gerade jetzt in der Corona-Krise, die ihren Berufsalltag ebenso prägt wie den Nahverkehr im Neckar-Alb-Donau-Netz.

Still ist es. Und ziemlich leer. Der Weg zu ihrer Arbeit fühlt sich anders an als sonst. An fünf Tagen die Woche pendelt Kathrin Kammerer: Die Buslinie 5 bringt sie zum Tübinger Hauptbahnhof, die Regionalbahn dann ins Reutlinger Zentrum. Nach weiteren 15 Minuten Fußweg hat sie ihr Ziel erreicht: Der „Reutlinger General-Anzeiger“, kurz GEA.

Irgendwas ist anders

Kathrin Kammerer arbeitet in der Online-Redaktion der auflagenstarken Tageszeitung im Schichtdienst. Das heißt, ihr Arbeitstag geht mal von 7 bis 16 Uhr, von 9 bis 18 Uhr oder von 12 bis 21 Uhr. Den Weg zur Arbeit erlebt sie also zu den unterschiedlichsten Uhrzeiten. Ungewohnt still und leer sei es jetzt an den Bahnhöfen in Tübingen und Reutlingen. „Wenn man jahrelang die gleiche Strecke pendelt, kennt man ja die Gegebenheiten und einige Leute vom Sehen“, sagt Kathrin Kammerer. „Im Moment sehe ich kaum bekannte Gesichter, es sind größtenteils andere und viel weniger Fahrgäste als üblich. Man merkt sofort, dass irgendwas anders ist.“

Herausforderung für alle

Beruflich ist die Online-Redakteurin momentan nur mit einem Thema beschäftigt: der Corona-Krise. Während Nachrichtenportale wie tagesschau.de überregional und weltweit über aktuelle Entwicklungen zur Corona-Pandemie berichten, sorgt sie gemeinsam mit Kollegen dafür, dass die Menschen in der Region Reutlingen/Tübingen bestmöglich über das lokale Geschehen informiert sind. „Es herrscht im Moment eine maximale Verunsicherung in der Bevölkerung“, sagt Kathrin Kammerer. „Die Leute gieren permanent nach neuen Daten, Fakten und Zahlen. Wir versuchen mit unserer Berichterstattung etwas Orientierung zu geben.“ 

Die aktuelle Situation sei eine Herausforderung für alle, auch für die gesamte Redaktion. Während auf der einen Seite Nachrichtenbeiträge und Reportagen zur Corona-Krise fast im Minutentakt verfasst werden, gibt es auf der anderen Seite im Lokalen kaum etwas zu berichten. „Es ist ja alles abgesagt“, so Kathrin Kammerer. „Veranstaltungen, Fußballspiele – nichts findet statt. Das ist für uns alle neu.“ 

Auf Abstand gehen und Hände weg

Nicht nur im Büro, sondern auch auf dem Weg zur Arbeit ist alles etwas anders. Die Buslinie 5 fährt nur noch vier Mal pro Stunde, die Regionalbahn nur noch stündlich statt wie üblich alle 30 Minuten. Für die knapp 15 Kilometer Wegstrecke braucht sie eine Stunde von Tür zu Tür. Sie sei auch nicht mehr so flexibel, müsse mehr überlegen und auf die Zeit achten, um längere Wartezeiten zu vermeiden. Aber es sei machbar und im Moment müsste jeder Einzelne Opfer bringen. Und das beinhaltet auch reduzierte Fahrpläne, weil eben auch Corona vor Busfahrern und Lokführern nicht Halt macht und der reduzierte Grundfahrplan trotz der Krise für stabilen Verkehr sorgen soll.   

„Auf meiner Strecke bin ich wohl eine der letzten, die noch pendelt. Derzeit sind hier nur noch wenige Menschen in Bus und Bahn unterwegs“, stellt sie fest. Manche mit hochgezogenem Schal, kaum jemand mit Mundschutz oder Handschuhen. Auch sie nicht. Aber: „Ich fasse seit geraumer Zeit nichts mehr an, rein gar nichts. Da achte ich total drauf“, bekräftigt die Jährige. Auch der Sicherheitsabstand werde von allen penibel eingehalten, was in den – vergleichsweise – leeren Verkehrsmitteln problemlos möglich sei. 

„Ich bin dankbar für den Nahverkehr“

Kathrin Kammerer teilt sich absichtlich „nur“ ein Auto mit ihrem Partner. Da dieser ohne Pkw nicht zu seinem Arbeitsplatz kommt und zudem zu anderen Zeiten aufbrechen muss, ist sie auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass der ÖPNV auch in der Krise nicht komplett eingestellt wird, das wäre richtig doof für mich“, sagt sie und gibt zu: „Ich fahre total gerne Bus und Bahn, aber im Moment nicht mehr unbeschwert.“ Beim Pendeln könne sie normalerweise prima abschalten und entspannen. Das sei derzeit nicht so, seit ein paar Tagen habe sie ein eher ungutes Gefühl. Auch die Atmosphäre sei eine andere – still, gedrückt. „Als hätte die Stimmung der Anderen Einfluss auf die eigene oder vielleicht auch die irrationale Angst vor dem Virus, die manche mehr, andere weniger haben“, so Kathrin Kammerer. „Man kann sich da schon rein steigern, wenn man will.“

Prognosen für die Zukunft will die Online-Redakteurin lieber nicht abgeben. Aber einen Wunsch hat sie: schnell flächendeckende Antikörpertests für das Corona-Virus. Damit die Unsicherheit in der Bevölkerung baldmöglichst nachlässt. Bis es soweit ist, wird Kathrin Kammerer weiter mit Bus und Bahn zur Arbeit pendeln, um den Menschen in der Region Reutlingen/Tübingen mit aktuellen Informationen Orientierung zu geben und ein bisschen Sicherheit zu vermitteln.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 06.04.2020