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Land und Leute

„Hinkommen, reinkommen, klarkommen“ – ein Interview über Barrierefreiheit und Mobilität

Willi Rudolf engagiert sich seit vielen Jahren in hohem Maße in der Politik und im sozialen Bereich. Der Kreisbehindertenbeauftragte des Landkreises Tübingen ist als Vertreter der LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg e.V. Mitglied des Fahrgastbeirates Baden-Württemberg. Wir haben mit Herrn Rudolf über die neuen Talent 2-Züge im bwegt-Design, seine Arbeit im Fahrgastbeirat und den barrierefreien Nahverkehr gesprochen.

Portrait von Willi Rudolf

Herr Rudolf, Sie hatten bereits Gelegenheit die neuen bwegt-Züge vom Typ Talent 2 auf der Gäubahn zu testen. Wie war Ihr erster Eindruck?

Als aktiver Rollstuhlfahrer benutze ich seit 40 Jahren auch die unterschiedlichsten Schienenfahrzeuge. Mit den Zügen vom Typ Talent 2 auf der Gäubahn habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Zug sicher und selbstständig und ohne fremde Hilfe nutzen können. Ich bin sehr glücklich, dass ich dies mit meinen 73 Jahren noch erleben durfte und hoffe, dass bald mehr derartige Fahrzeuge eingesetzt werden.

Wie schätzen Sie das Angebot der neuen Züge ein? Welche Verbesserungen haben Sie wahrgenommen?

Schon außen am Zug ist durch ein großes Rollstuhlsymbol schnell erkennbar, wo der Rollstuhleinstieg platziert ist. Ganz in der Nähe des Einstiegs befindet sich eine Ruftaste für Rollstuhlfahrer, damit sie bei ungeeigneten Bahnsteighöhen Personal zur Hilfe holen können. Die automatischen Drittstufen zur Überbrückung der Spalte zwischen Bahnsteig und Fahrzeug haben bei meinem Test einwandfrei funktioniert und die notwendige Sicherheit geleistet, allerdings funktioniert dies nur bei der idealen Höhe des Bahnsteigs. Bei höhenmäßig ungeeigneten Bahnsteigen kann eine im Fahrzeug untergebrachte Rampe die Überbrückung darstellen. Hierzu ist jedoch Zugpersonal erforderlich.

Das Mehrzweckabteil ist großzügig und mit Klappsitzen ausgestattet, so kann das Abteil je nach Bedarf genutzt werden. Angrenzend ist ein Universal-WC angebracht, wo auch Rollstuhlfahrer ausreichend Platz und den notwendigen Halt durch Haltegriffe usw. haben. Die Bedeutung eines WC kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und stellt leider für Rollstuhlfahrer im öffentlichen Leben immer noch ein großes Problem dar. Sollten während der Fahrt oder beim Aufstieg Probleme auftreten, kann dies mit einer Ruftaste und einer Sprechstelle dem Fahrzeugführer gemeldet werden.

Sie sind als Vertreter des LAG Selbsthilfe Baden-Württemberg e.V. Mitglied des Fahrgastbeirates Baden-Württemberg. Ist Ihre Expertise als Mitglied des Fahrgastbeirates mit eingeflossen? Wurden Ihre Anregungen umgesetzt?

Ich freue mich sehr, dass die Diskussionen im Fahrgastbeirat und Herrn Minister Hermann persönlich den gewünschten Erfolg hatten und nun die ersten Fahrzeuge auf der Schiene sind.

Für Ihr Engagement wurden Sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Was hat sich Ihrer Einschätzung nach in den letzten 20 Jahren im Bereich Barrierefreiheit getan?

Wenn ich mich zurück erinnere an die Zeit vor 40 Jahren, als ich von der Bahnpolizei in den Gepäckwagen gehoben wurde, dann hat sich in dieser Zeit sehr viel getan.

So wurde die zentrale Informationsnummer der Bahn eingerichtet und auf größeren Bahnhöfen wurden manuelle Hublifte aufgestellt. Leider bedeutet dies in aller Regel eine vorherige Anmeldung und eine Meldung 20 Minuten vor Abfahrt am Serviceschalter der Bahn. Darüber hinaus wurden in einigen Zügen ausfahrbare Rampen eingebaut.

Doch dies alles darf nicht über die Dringlichkeit der Barrierefreiheit im Hinblick auf die Demographie hinwegtäuschen. Es wird in der Zukunft vermehrt Menschen mit Einschränkungen der körperlichen Mobilität, aber auch Menschen mit Sinnesbehinderung (Sehbehinderung oder Hörbehinderung) geben. Wenn ich nun auf meine 40-jährige Nutzung der Züge zurückblicke, so hat sich etwas bewegt, allerdings sind wir hier noch nicht am Ende des Weges. Nach meiner Überzeugung muss die Mobilität auf die Schiene und die zukünftigen Nutzer angepasst werden.

Deshalb fordere ich alle Beteiligten und Entscheidungsträger auf, Barrierefreiheit „zügig“ umzusetzen, denn kein Mensch weiß, wann er auf einen barrierefreien ÖPNV angewiesen ist.

In welchen Bereichen des öffentlichen Lebens sehen Sie noch Nachholbedarf?

Mobilität ist in unserer Gesellschaft eine große Herausforderung, auch für Menschen mit Einschränkungen, Behinderungen oder chronischen Krankheiten. Dies beginnt im eigenen Haus und endet am Ziel.

Deshalb der Wahlspruch: Hinkommen, reinkommen, klarkommen.

Wie sähe für Sie die optimale Verbindung zwischen dem ÖPNV und der Barrierefreiheit in der Stadt aus?

Ganz einfach: die Bedürfnisse der Menschen in der Mobilität sind alle gleich!

Ich wünsche mir, wie bei dem neuen Zugmodell Typ Talent 2, dass sich alle Menschen, ob mit oder ohne Behinderung oder chronischer Krankheit, in der Stadt und selbstverständlich auch mit dem ÖPNV selbstständig und ohne fremde Hilfe bewegen können.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rudolf!

Das Land kommt in Bewegung.

Die neue Mobilitätsmarke ist da.

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