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Der Wald als Therapeut und Doktor.

Es soll beruhigen und den Stresspegel reduzieren: Waldbaden. Als Wellness für Körper und Seele wird es beworben. Doch funktioniert das wirklich? Bwegt ist dem Trend aus Japan im Wald von Bad Wildbad nachgegangen.

Balanceakt auf einem Baumstamm ©J. Vieth

Vorsichtig taste ich mit meinen Füßen einen Schritt nach vorne. Ich taumele, befürchte, den Halt zu verlieren. Meine Arme sind weit ausgestreckt, meine Füße versuchen Halt zu finden, finden sicheren Stand. Ich traue mich noch einen Schritt vorwärts, balanciere erst von links nach rechts und komme dann zum Stehen.

Was mache ich hier? Ich laufe mit geschlossenen Augen über einen Baumstamm. Oder zumindest versuche ich es. Ich habe so etwas wahrscheinlich das letzte Mal in der Grundschule gemacht und komme mir etwas blöd vor, wie ich es kaum schaffe, zwei Schritte zu gehen, ohne die Augen schnell wieder aufzureißen. Denn blind über einen unebenen Untergrund zu laufen ist gar nicht so einfach.

 

Mit allen Sinnen eintauchen

Ich bin in Bad Wildbad und habe die Bergbahn hoch auf den Sommerberg genommen und finde mich nun mit geschlossenen Augen auf einem Baumstamm wieder. Wieso? Weil ich waldbade. Waldbaden – ein Trend, der in den letzten Jahren auch Deutschland erreicht hat und dem alle möglichen heilsamen Wirkungen nachgesagt werden.

Ein wenig hatte ich darüber schon gehört, für die volle Expertise habe ich mir Greta Hessel an die Seite geholt. Greta Hessel ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Naturtherapeutin und erklärt mir, um was es geht: „Beim Waldbaden tauchen wir mit allen Sinnen in den Wald ein. Wir sind achtsam und nehmen seine Luft, seine Atmosphäre auf“.

Ein besserer Spaziergang also? „Ganz so profan würde ich es nicht beschreiben“, sagt Greta Hessel und lacht. Waldbaden sei kein reiner Spaziergang, erklärt sie mir. „In erster Linie geht es darum, den Wald zu fühlen, hören, riechen und zu sehen“. Ohne Ablenkung. Das Handy muss nicht Zuhause bleiben – sollte aber stumm oder abgeschaltet sein. Abschalten - das ist das, worum es geht. Im besten Fall findet man beim Waldbaden nicht nur Ruhe, sondern zu sich selbst, erklärt die Naturtherapeutin.

 

Atemübung

©J. Vieth

Starre Regeln gibt es keine. Zum Waldbaden kommen Übungen hinzu, die man ausführen kann – aber nicht zwingend muss. Die sollen das Entspannen und Abschalten unterstützen. Deshalb balanciere ich mit geschlossenen Augen über einen Baumstamm. „Durch die Übung wird die Wahrnehmung für deine Füße gestärkt“, erklärt Greta Hessel. Und es stimmt, selten habe ich mich so sehr auf meine Füße konzentriert, wie eben, als ich versucht habe, bloß nicht vom Baum zu fallen. Meine Füße habe ich dabei deutlich wahrgenommen. Wie sie eingepfercht im Wanderschuh über die grobe Baumrinde tasten und den Körper ausbalancieren.

Indem man mit allen Sinnen wahrnimmt, nimmt man sich selbst richtig wahr und kommt zur Ruhe. „Beim Waldbaden geht es um Entspannung. Darum, dass der Kopf zu Ruhe kommt“, erklärt Greta Hessel. Die Frage, die mir schon im Kopf rum spukt, seit unsere Verabredung ausgemacht ist, stelle ich nun Greta Hessel: „Muss ich später einen Baum umarmen?“. Nein, beruhigt sie mich, ich muss gar nichts. „Das ist das Schöne am Waldbaden“, erklärt sie, „es gibt keine festen Regeln oder Abläufe“. Mit Flora und Fauna in Kontakt kommen, das aber ist fester Bestandteil ihres Programms. „Ein Baum kann dir Antworten auf deine Fragen geben“, erklärt sie weiter.

Weniger Stress, mehr Erholung und besserer Schlaf

In Deutschland und den USA wird nun viel zum Waldbaden geforscht, um die Wirkung belegen zu können. Unbestritten ist, dass der Wald den Menschen guttut. Im besten Fall ist man weniger gestresst, erholt sich, schläft besser.

Atemübung ©J. Vieth

Das merke auch ich, diesmal mit beiden Beinen auf dem Boden, aufrecht sitzend auf einer Bank. Wieder habe ich die Augen geschlossen. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. „Langsam einatmen - 1, 2, 3, 4 – anhalten - und langsam wieder ausatmen – 1, 2, 3, 4“, diktiert mir Greta Hessel. Ich habe so meine Probleme, im Takt zu bleiben und bin froh, als ich im eigenen Tempo weiteratmen kann. Langsam finde ich meinen Rhythmus und komme zur Ruhe. Ich beobachte, wie sich mein Brustkorb hebt und senkt (das kenne ich vom Yoga!) und stelle nach einiger Zeit fest, wie laut die Vögel um mich herum auf einmal zwitschern.

 

 

„Man kann richtige kleine Konversationen hören“, erklärt Hessel später. Während ich so vor mich hin atme und den Vögeln lausche, rückt der Stress des Alltags in den Hintergrund. So banal wie es klingen mag, so einfach ist es wohl auch. Konzentriere ich mich auf mich selbst und die Natur, bleibt wenig Raum für Anspannung.

Als ich langsam wieder die Augen öffne, erwische ich mich, wie ich leicht beseelt in den Wald lächle. Eine Erfahrung, die ich auch vom morgendlichen Meditieren nach der Yoga-Einheit kenne. Das Baum-Umarmen, das ich anfangs noch als „etwas eso“ belächelt habe, ist nun gar nicht mehr so weit weg. Es ist wie mit der Meditation. Man muss sich auf das Waldbaden einlassen wollen, dem Ganzen eine Chance geben. Sonst wird es nicht funktionieren.

Ausblick vom Sommerberg

Greta Hessel ©J. Vieth

Wer Lust hat, ebenfalls waldbaden zu gehen, kann im Prinzip sofort loslaufen. Wer sich anleiten lassen will, kann eine WaldbademeisterIn buchen. Es gibt verschiedene Angebote und LehrerInnen im Land. Das muss aber nicht sein, es geht auch ohne. Schließlich will man ja vor allem mit sich selbst in Kontakt kommen. Grundsätzlich empfiehlt Greta Hessel, auch nach gelernter Anleitung alleine loszuziehen. „Am Ende plaudert man sich eben doch durch den Wald“. Drei Stunden spazieren gehen sollten es schon sein, darunter stelle sich kaum ein Effekt ein, sagt die Expertin.

Folgende Übungen sind für den Anfang geeignet:

  • Langsames, bewusstes Ein- und Ausatmen im Sitzen
  • Entspannen in einer Liege, auf dem Baumstamm, einer Decke...
  • Yoga-Übung „Baum“ – angelehnt an einen Baum
  • Sehr langsam laufen und nach jedem Schritt innehalten, den Blick von links nach rechts schweifen lassen
  • Für Fortgeschrittene/Offene: Einen Baum umarmen und lauschen, welche Antworten er gibt

 

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Magazin-Artikel veröffentlicht am 26.06.2019

Autorin: Jacqueline Vieth

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