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7 Mann und eine Frau für einen Fahrplan mit 90 Strecken.

Trotz Corona-Virus muss ein stabiles Grundangebot im öffentlichen Nahverkehr garantiert werden. Ein Vier-Tages-Marathon für die Planer der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg

© Ministerium für Verkehr.

16. März 2020: Seit heute ist in der Abteilung von Dietmar Maier alles anders: Die meisten seiner 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben an diesem Montag ihre Büros verlassen. Nur eine „kleine Stallwache“, sagt er, ist noch vor Ort in der Dienststelle der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg - kurz NVBW - am Wilhelmsplatz 11 in Stuttgart. Alle anderen arbeiten jetzt im Homeoffice. Selbst Maier, obwohl er der Bereichsleiter Planung und Förderprogramme ist. Seine sieben Angebotsplaner und ihre Teamleiterin sind gerade mit den Ausschreibungen für den Jahresfahrplan 2021 beschäftigt. „Die müssen erst mal liegen bleiben“, informiert Maier seine Planer per Telefonkonferenz. „Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass wir auf allen 90 Strecken ein stabiles Grundangebot im Schienennahverkehr auf die Beine stellen.“ Die Planer machen sich sofort an die Arbeit und beginnen, die Strecken unter die Lupe zu nehmen.

17. März 2020: Die Corona-Krise hat inzwischen auch den Schienenpersonennahverkehr in Baden-Württemberg erreicht. Der Krankenstand bei den Verkehrsunternehmen steigt kontinuierlich. Seit Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen sind, sitzen außerdem deutlich weniger Fahrgäste in den Zügen. Die Angebotsplaner der NVBW arbeiten unter Hochdruck. Strecke für Strecke gehen sie das Schienennetz gemeinsam mit den Verkehrsunternehmen durch und setzen neue Fahrpläne auf. Die Maßgabe: Innerhalb der nächsten zwei Tage mit den zehn Verkehrsunternehmen ein ausgedünntes, aber stabiles Grundangebot für berufsbedingt notwendige Fahrten in ganz Baden-Württemberg auf die Beine stellen. Jeder Planer hat 10 bis 20 Strecken vor sich. Auch die Länge der Züge haben sie im Fokus: Die bisherige Anzahl der Waggons soll beibehalten werden, damit der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Fahrgästen problemlos eingehalten werden kann. Außerdem muss mit dem neuen Fahrplan Personal bei den Eisenbahnunternehmen eingespart werden, um bei eventuellen Krankenständen darauf zurückgreifen zu können.

18. März 2020: Das Team der Angebotsplaner ist nach wie vor hoch motiviert. Denn die acht wissen, dass sie mit ihrer Arbeit einen aktiven Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise leisten. Eine große Herausforderung jetzt ist die Abstimmung des Verkehrs mit den anderen Bundesländern. Noch komplizierter ist die Organisation des grenzüberschreitenden Verkehrs in die Schweiz und nach Frankreich, weil kurzfristige Regularien dort nicht vorhersehbar sind. Am Mittag steht der neue Fahrplan zu 90 Prozent. Die jahrelange Erfahrung der Planer in der Zusammenarbeit mit den Verkehrsunternehmen und genaue Kenntnis der Netze zeigen jetzt ihren Erfolg. In der täglichen Telefonkonferenz mit dem baden-württembergischen Verkehrsministerium und der DB-Netze AG informiert Dietmar Maier am Abend die Vertreter der verantwortlichen Schnittstellen über das Arbeitsergebnis des Tages.

19. März 2020: Die neuen Streckenfahrpläne sind weitgehend fertig. Sie müssen heute bis 15:30 Uhr auf den Server des Europäischen Fahrplanzentrums hochgeladen werden. Nur dann können sie ab Montag, 23. März, um 00:00 Uhr auch auf dem Fahrplannavigator der Fahrgäste in Baden-Württemberg abgerufen werden. Denn auf diese zentrale Datendrehscheibe greifen sämtliche ÖPNV-Informationssysteme zu. Was noch nicht fertig ist und nicht aufgespielt werden kann, wird dann von den Verkehrsunternehmen kurzfristig als „Ausfall“ markiert. Dietmar Maier checkt den neuen Fahrplan. „Gute Arbeit“ mailt der Bereichsleiter an sein Team. Gerüchte hatten unter den Berufstätigen bereits die Runde gemacht. Etwa, dass seit Corona nur noch der Sonntagsfahrplan gelten würde. „Unsinn“, stellt Bereichsleiter Maier fest und appelliert an die Fahrgäste, sich an den offiziellen Informationen auf den Portalen bahn.de/aktuell und EFA-BW efa-bw.de zu orientieren. Denn das Verkehrsministerium möchte, dass auch während der Pandemie der öffentliche Verkehr mit Bussen und Bahnen aufrecht erhalten bleiben muss, um allzu weitreichende Einschränkungen in den verschiedenen Lebens- und Wirtschaftsbereichen zu vermeiden. „Dafür haben wir uns zusammen mit den Unternehmen die letzten Tage ins Zeug gelegt“, sagt Maier.

Magazin-Artikel veröffentlicht am 20.03.2020