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Blick hinter die Kulissen

Fahrplanmanagement – ein Puzzle mit vielen Teilen.

Fahrplanerinnen und -planer sind Herz und Hirn des Schienenverkehrs in Baden-Württemberg. Nicht nur kennen sie die Probleme, die mit der Planung eines reibungslosen Schienenverkehrs einhergehen können, sondern sie legen sich auch jeden Tag mit viel Elan für deren Lösung ins Zeug – und das mit langfristiger Wirkung. Wir haben uns bei ihnen umgehört und dabei auch erfahren, warum es eigentlich zu Zugverspätungen kommt.

Alles, was mit der Planung des Regional- und Nahverkehrs auf den Schienen Baden-Württembergs zu tun hat, geht über ihren Tisch: Die Fahrplanerinnen und Fahrplaner unseres Partners NVBW, der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH. Seit nunmehr 25 Jahren ist das Unternehmen sowohl mit der Finanzierung und Planung als auch mit der Koordination des Regional- und Nahverkehrs auf der Schiene betraut und unterstützt das Verkehrsministerium in allen Fragen dazu. Dessen Planerinnen und Planer sind im Gegensatz zu den Verkehrsunternehmen dabei nicht für die reale Betriebsabwicklung zuständig, was bedeutet, dass sie zum Beispiel keine eigenen Fahrzeuge auf die Strecke schicken. Dennoch ist ihr Arbeitsalltag alles andere als ein trockener Schreibtisch-Job, sondern hochanspruchsvoll und faszinierend zugleich.

So berechnen sie im Rahmen der jährlichen Fahrplanwechsel Pläne für unsere Partner-Unternehmen, kalkulieren hier in Zeitspannen von Monaten bis Jahren im Voraus, berücksichtigen potenzielle Änderungen der Fahrzeugflotte und müssen am Ende noch regelrechte Punktlandungen schaffen. Denn oft kommt es auf Minuten oder sogar Sekunden an, die darüber entscheiden, ob Fahrgäste und Fahrzeuge pünktlich an ihren Bestimmungsort gelangen – keine leichte Aufgabe bei aktuell rund 4.000 Schienenkilometern und circa 40 Netzen des Landes.

Wie aber entstehen eigentlich Zugverspätungen und Zugausfälle? Und wie lassen sie sich verhindern oder zumindest im Fahrplan berücksichtigen? Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich und reichen von streikender Technik bei Fahrzeug oder Weiche bis hin zu Personenunfällen, in deren Rahmen es bisweilen zu mehreren Stunden Stillstand kommt. Ein sehr aktuelles Thema, das auch unsere Fahrplanerinnen und Fahrplaner immer wieder beschäftigt, ist der Fachkräftemangel bei Lokführerinnen und Lokführern. Und wenn es an Menschen fehlt, fährt auch keine Maschine mehr – im Schienenbetrieb gilt dies eher als in vielen anderen Branchen.

Ein weiterer, vermeintlich banaler Grund für eine erhebliche Anzahl an Verspätungen ist laut Expertinnen und Experten des NVBW das Aufhalten von Wagentüren für nachfolgende Fahrgäste. Was im Einzelfall gut gemeint ist, wird sich früher oder später rächen: Denn jede Sekunde, die ein Zug länger im Bahnhof steht als geplant, ergibt in der Summe oft deutlich spürbare Verspätungen bei den Anschlusszügen in den Folgebahnhöfen. Für so manch einen Fahrgast heißt es dann: warten, warten und noch mehr warten.

Ähnlich sieht es auch beim Ein- oder Ausfahren der am Zug angebrachten Schiebetritte aus. Die EU gibt als technische Spezifikation einen gewissen Höchstabstand zwischen Zug und Bahnsteig vor. Ist der zu groß, kommen spezielle Schiebetritte zum Einsatz. Und bevor diese nicht ordnungsgemäß wieder ein- und ausgefahren sind, kann der Zug nicht weiterfahren. Ein Umstand, auf den dann weder Fahrplanung noch Verkehrsunternehmen Einfluss nehmen können.

Fahrplanwechsel und mit ihnen neue Taktungen und Anschlüsse sind weitere wichtige Themen, die das Fahrplanmanagement und auch unsere Community jedes Jahr aufs Neue beschäftigen. Was im Jahr zuvor auf den Netzen Baden-Württembergs gut funktioniert hat, benötigt nur kleinere Modifikationen. Wenn aber völlig neue Konzepte eingeführt werden, mit neuen Fahrzeugen und Durchbindungen, wie sie uns beispielsweise bei der Finalisierung des Bahnprojektes Stuttgart-Ulm bevorstehen, sehen sich unsere Planerinnen und Planer mit der immensen Herausforderung konfrontiert, ein ganzes Netz neu aufzustellen. Ohne Frage gibt es dann Anschlüsse, die im Rahmen einer solchen Neu-Konzeption aufgegeben werden müssen. Wenn dafür im Gegenzug eine höhere Taktung oder neue Anschlüsse durchgesetzt werden, die von viel mehr Menschen in Anspruch genommen werden als zuvor, dann hat sich diese Rechnung durchaus gelohnt.

Es sind also viele größere oder kleinere Szenarien, die eine Verspätung oder einen Zugausfall auslösen können und die die Fahrplanerinnen und Fahrplaner im Zuge ihrer Arbeit berücksichtigen müssen. Zum Jobprofil gehört es auch, die unterschiedlichen Bedürfnisse an den Strecken vor Ort zu kennen. Denn einen Zug von A nach B fahren zu lassen, mag vom Schreibtisch aus erstmal immer das gleiche Prozedere sein. Doch es macht einen erheblichen Unterschied, ob der Fahrplan für einen Zug ausgelegt ist, der täglich hunderte Schülerinnen und Schüler in der Früh zur Schule bringt, oder ob er an einem Sonntagnachmittag Rad-Ausflügler zur nächsten Station ihrer Tagesreise fährt. Damit jeder Fahrgast am Ende zufrieden dort ankommt, wo er hin will, sind Fahrplanerinnen und Fahrplaner darum auch viel draußen unterwegs, reden etwa mit den Verantwortlichen der Verkehrsverbünde, Kreise und Kommunen, der Eisenbahnverkehrsunternehmen oder Schulen. Nach Auswertung dieser Gespräche bemisst sich dann, welche Züge wo genau fahren, wieviele Plätze und Kapazitäten sie haben sollten und welche Zeiten eingehalten werden müssen.

Die Planung des gesamten Schienenverkehrs in Baden-Württemberg ist also vergleichbar mit einem riesigen Puzzle, das aus vielen Einzelteilen besteht, sich jährlich ändert und ständig erweitert wird. Richtig zusammengesetzt ergibt das Puzzle am Ende einen Plan, mit dem dann alle gut fahren.